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TIPPS 3 - Was können Sie tun als Mitbetroffene/r?

Wie denkt dieser kranke Mensch?

Wenn Sie es geschafft haben, die freundlich-liebevolle Konsequenz zu erlernen und auch in die Tat umzusetzen, können Sie zum Kern der Sache kommen. Es ist also jetzt zu überlegen, wie ein suchtkranker Mensch denkt, damit man folgerichtig handeln kann.

Das erste und das letzte auf der Welt, an was ein suchtkranker Mensch denkt, wenn er aufwacht und einschläft, sind leider nicht Sie - er denkt an Alkohol.

Und in der Zeit zwischen aufwachen und einschlafen kreisen seine Gedanken um - ja, genau: Alkohol.

Er kann sich nicht mehr richtig auf seine Arbeit konzentrieren, denn er denkt darüber nach, wie er in der Kantine ein weiteres Bier trinken kann ohne dass es seinem Chef auffällt, und wie er seine Fahne verbirgt.

Während er sich mit Ihnen über den Einkauf unterhält, denkt er daran, wie viel Bier er übers Wochenende braucht und wie er noch ein paar Flaschen mehr unterbringt, die Sie nicht sehen. Wenn Sie ihn noch einmal fortschicken, ist er froh, an der Tankstelle noch eine Flasche Korn und einen Kasten Bier mitbringen zu können, den er im Kofferraum lässt. So ist er flexibel - wenn er Gelegenheit findet (und er findet eine, und wenn er Krach provoziert) hat er so einen ausreichend guten Vorrat für "schlechte Zeiten". Und auch noch seine Ruhe.

Wenn Sie ihn fragen, ob er Sie überhaupt noch liebt, sagt er "natürlich!" und überlegt gleichzeitig, ob Sie etwa Verdacht geschöpft haben, als Sie die Flaschen in der Kellerbar immer schön dreiviertelvoll vorgefunden haben, obwohl doch Müllers letztlich da waren. 

Wenn Sie ihm Vorhaltungen machen, dass er zu viel trinkt, schaltet er nach einigen Minuten den Kopf ab und hofft nur noch, dass Sie endlich aufhören. 

Wenn Sie ihn zwingen, seinen Arzt wegen des Alkohols zu fragen, tut er das - aber nie - niemals - wird er zugeben dass er nicht nur am Wochenende zu viel Bier trinkt. Immer sind es "zwei, drei Bierchen" - die letzten zwei, drei gibt er an, aber die davor verschweigt er. IMMER. Auch Ihnen gegenüber.

Das ist kein böser Wille. Das ist nur zu Ihrem Besten.

Und es ist peinlich.

Dieser erwachsene Mensch muss Sie pausenlos belügen.

Selbst dann, wenn Sie ihm sagen, er brauche keine Angst vor Ärger zu haben.

Selbst, wenn Sie alles Verständnis der Welt haben.

Selbst dann, wenn Sie ihm erlauben, so viel und so oft zu trinken, wie er möchte.

Er wird das nicht tun.

Er kann das nicht tun.

Er ist froh, wenn er zuhause trinken kann.

Aber nicht die ganze Menge müssen Sie sehen.

Es würde Sie erschrecken - denn es erschreckt ihn, ehrlich gesagt. Es macht Angst.

Er sagt, er hätte alles im Griff und könnte jederzeit mit dem Bier aufhören.

Er ist doch kein Säufer. Säufer leben unter der Brücke. 

Er sagt Ihnen nicht, dass er gestern auf dem Weg zur Arbeit so schlimm gezittert hat, dass er den Flachmann unter dem Reserverad zu Hilfe nehmen musste. Dann ging es gleich besser.

Und das macht ihm Angst - ehrlich gesagt.

Und es ist peinlich.

Aber - er hat alles im Griff. Wenn ihm nur nicht alle so zusetzen würden. Dieser Stress ist nicht auszuhalten. Diese Lügerei liegt ihm eigentlich nicht, aber was soll er sagen, wenn er gefragt wird, warum er um 11 Uhr vormittags nach Alkohol riecht? Er MUSS doch sagen, dass es wohl noch von gestern Abend ist.

Wenn Sie ihm sagen, dass Sie ihn verlassen, wenn er nicht endlich aufhört, dann jagen Sie ihm einen Schrecken ein - aber nur bei den ersten zwei Malen. Dann nicht mehr. 

Er bekommt Wutausbrüche  und droht seinerseits - will stark sein.

Er macht Versprechungen - meint sie aber nur halbherzig - damit Ruhe ist.

Er jammert - fühlt sich ungerecht behandelt - er täuscht sich selbst.

Er hat Angst. Er ist von sich selbst enttäuscht - er versagt kläglich, das darf nicht wahr sein.

Bald kann er nicht mehr unterscheiden, was möglich ist, und was nicht. 

Aber das ist eigentlich auch nicht mehr wichtig, wenn er seine Flasche hat, ist er beruhigt. Dann ist die Welt halbwegs in Ordnung.

Wenn er sein Quantum getrunken hat, ist nichts mehr wichtig. 

Gott sei Dank.

Ja, er geht mit, wenn Sie ihn in eine Selbsthilfegruppe schleppen.

Er hört sich das Gerede dort an. Tja, und was soll das? Er will bloß, das Ruhe ist. 

Und auf die Couch will er,  mit einer Flasche Bier stumm sitzen. Nicht denken.

Können Sie sich vorstellen, dass dieser Mensch eine so unvorstellbar große Menge Alkohol trinkt, wie etwa einen oder zwei Kasten Bier jeden Tag? Nein? Und das, ohne dass Sie es merken?

Sagen Sie nicht, das geht nicht, das würde ich merken - tut mir leid, sie merken es NICHT. 

Wenn der Mensch abends von der Arbeit kommt und sagt, es seien zwei, drei Bier gewesen, machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, dass es wahrscheinlich eher zehn oder gar zwanzig waren - dazu kommen noch die erlaubten drei am Abend.

 

Bei vielen - auch in unserer Gruppe - war es NOCH mehr, was über einen längeren Zeitraum getrunken wurde.

Er KANN ihnen doch nicht die Wahrheit sagen, das müssen Sie doch einsehen.

Je erbärmlicher er sich fühlt - hin und her gerissen zwischen Auflehnung gegen das eigene Versagen und absoluter Gleichgültigkeit - desto trotziger stellt er Selbstbewusstsein zur Schau.

Er glaubt manchmal wirklich, er hätte alles im Griff.

Aber nur manchmal, wenn er sich verteidigen muss, weil er angegriffen wird.

Sonst hat er oft Angst, merkt, dass er nicht aufhören kann.

Und das ist peinlich.

Wie konnte das passieren.

 

Dieser kranke Mensch ist ein zutiefst bedauernswertes Wesen.

Aber dieser Mensch belügt Sie pausenlos.

JEDER Alkoholiker tut das.

Dieser Kranke nutzt Sie schamlos aus, er muss das tun, damit er seine lebensnotwendige Menge Alkohol bekommt.

Er WIRD weiter Alkohol trinken, weil die Sucht ihn dazu zwingt.

Das ist kein Widerspruch. Denn solange es ihm möglich ist, sich auf den Alkohol zu konzentrieren, wird der Alkohol das Denken in andere Richtungen verhindern.

Der Alkohol kämpft ums Überleben in diesem Menschen..

Er muss trinken, so lange er nicht unter ärztlicher Aufsicht entgiftet ist.

Dann muss er nicht mehr Alkohol trinken.

Aber jetzt im Moment WIRD er weiter trinken, weil der Alkohol nichts anderes zulässt.

Er wird weiter trinken - um jeden Preis.

Auch um den Preis Sie zu belügen und alle Menschen, die sich zum Feind des Alkohols erklären, auch.

Sogar dann, wenn er unterwegs in die Klinik sein sollte, um eine Entgiftung machen zu können, überlegt er, dass er "hinterher" dann "normal" weiter trinken kann. An "Aufhören" denkt er nicht. Das wäre unvorstellbar.

JEDER alkoholkranke Mensch tut das.

Wirklich JEDER.

 

Auch der Mensch, um den Sie sich Sorgen machen.

Glauben Sie bitte nicht, dieser Mensch wäre eine Ausnahme - das glaubt er schon selbst.

Diese Rechnung geht nicht auf, wie Sie selbst sehen.

 

Tut mir leid - es ist hart, aber so ist es nun einmal.

 

Nachdem wir Sie nun mit diesen schlimmen Tatsachen konfrontiert haben,

wenden wir uns dem Wesentlichen zu - wie geht es jetzt weiter?

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008