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Ein Tabuthema - Alkohol und Sex

 

Leider versäumen viele Menschen im Zusammenhang mit Sucht das zentrale Thema anzusprechen, was einen Grossteil unseres Lebens bestimmt - die Sexualität. Man sollte meinen, dass heutzutage keine großen Vorbehalte mehr existieren, auch über diesen Bereich zu sprechen, aber in der Praxis sieht es leider anders aus. Unter den Suchtkranken finden sich alle Altersstufen, vom Jugendlichen bis zum Großvater, so dass auch eine Menge Facetten der gestörten Sexualität im Zusammenhang mit Alkohol zu betrachten wären.

 

Dreiviertel aller Suchtkranken hat Störungen in der Sexualität bei sich

beobachtet - möglicherweise auch mehr, denn es ist, wie bereits gesagt, auch heute noch schwierig, darüber zu sprechen. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass sich diese Störungen unter Umständen nicht wieder von allein zurückbilden, wenn nicht in der Therapie - oder in

 einer gesonderten Therapie - darüber gesprochen wird. Da dies in der Regel auch ein Problem des dazu gehörenden Partners ist, sollte selbstverständlich mit beiden Betroffenen dieses Thema angegangen werden. Sorgen Sie also selbst dafür, dass dieses Thema nicht ausgeklammert wird - wenn es nicht von allein zur Sprache kommt, sprechen Sie es selbst an. Fassen Sie auch die Möglichkeit ins Auge, dass Sie selbst kein Problem sehen, aber ihr Partner es ganz anders sieht, aber um nicht noch mehr Probleme aufzuwerfen, lieber dazu schweigt. Das aber ist ein Zustand, der zu weiteren Problemen führt und an dem eine bis hierhin gerettete Beziehung doch noch zum Scheitern bringen kann.

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Die häufigsten sexuellen Probleme bei Männern sind:

Lustlosigkeit

Potenzstörungen

vorzeitiger Samenerguss

Möglich ist aber auch eine Art Abstumpfung des Mannes, die den eigentlichen sexuellen Akt zu einem quälenden Dauermarathon, unter Umständen ohne erlösenden Orgasmus, werden lassen, unter dem Frauen sehr zu leiden haben. Es geht hier ja nicht um eine besonders lange Liebesnacht, sondern um ein eher unbeteiligtes Abspulen des Sexualtriebes, den es auszuhalten gilt. Viele Frauen lassen derartige Nächte jahrelang heroisch über sich ergehen, andere steigen einfach aus dieser "Ehepflicht" aus.

 

Sexuelle Probleme bei Frauen stellen sich hauptsächlich als

Lustlosigkeit

dar. Schmerzen beim Verkehr oder Orgasmusstörungen scheinen hier nicht mehr ins Gewicht zu fallen, als bei Nichtabhängigen auch (Wozu anzumerken sei, dass etwa 25% angeben, noch nie einen Orgasmus gehabt zu haben - und das entspricht etwa den Angaben der Nichtabhängigen - sehr schade, dass man zur Sexualität sehr, sehr wenig Therapieplätze findet, und dass eine riesige Scheu verhindert, dazu eine Therapie anzufangen) Andererseits benutzen Frauen den Alkohol aber auch, um sich den sexuellen Annäherungen des Partners entziehen zu können. Und wir alle kennen den Einsatz von Alkohol (zwei Gläschen Sekt und schon geht alles einfacher) um Hemmungen abzubauen.

 

Als größtes Übel sehen wir eine schreckliche Nebenerscheinung an - die Interesselosigkeit am Partner. 

Speziell Frauen leiden sehr unter dem Gefühl, ungeliebt zu sein, als Gegenstand behandelt zu werden. "Ich brauchte überhaupt nicht mehr dazusein, hinterher. Ich bin nicht mehr als ein Stuhl oder ein Tisch in unserer Wohnung - das hat doch nichts mit Liebe zu tun. Das Ganze dauern sowieso nur noch drei Minuten und hinterher könnte ich verzweifeln. Ich bin regelrecht benutzt worden und er merkt das nicht einmal". 

Es macht auch keinen Sinn, darüber in diesem Moment mit dem Partner sprechen zu wollen - es klingt für ihn alles wie ein Vorwurf. Ein Vorwurf der noch hinzu kommt, zu den unzähligen anderen Vorwürfen bezüglich des Alkohols. Und DAS kann man nun aber gar nicht gebrauchen. Wie wir ja schon gesehen haben, führt dieses Ansprechen genau wie auf anderen Ebenen zum Widerstand und Entgegengesetzten Reaktionen. 

Eine Möglichkeit wäre also für einen Mann, lieber gar nicht erst eine sexuelle Aktion verstrickt zu werden - wie die Frau aus den alten Witzen ist Mann also müde, hat Kopfschmerzen, Zahnweh, oder was sich sonst noch so alles an Ausreden bietet. Unter Umständen ist er plötzlich  eher am "Kuscheln" interessiert, als an Sex - aber auch das wird mit der Zeit weniger werden.

Natürlich leiden auch Männer unter der interesselosen alkoholabhängigen Frau - aber da wir alle die schlechten Witze über frigide Frauen zur Genüge kennen, scheint dieses Verhalten recht schnell als "normales frustrierendes Verhalten" eingestuft zu werden. Frauen haben es ja auch erheblich leichter damit Interesse vorzutäuschen als Männer, so dass vermutlich ein gewaltiger Prozentsatz an Lustlosigkeit einfach keine Beachtung findet. 

Möglicherweise reicht es verschiedenen Männern auch einfach aus, wenn die Partnerin den Sex ohne zu klagen über sich ergehen lässt - das sind allerdings jetzt wilde Spekulationen.

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Liebt er mich überhaupt?

Wenn Sie einen Partner haben, der noch nicht in eine Therapie gegangen ist und sich bei Ihnen im Schlafzimmer ähnlich deprimierende Geschichten abspielen, werden Sie sich sicher schon häufig gefragt haben, ob Ihr Partner Sie belügt, wenn er beteuert, Sie noch zu lieben. Das ist natürlich nicht allgemeingültig zu beantworten, aber es besteht immerhin die Wahrscheinlichkeit, dass leider der Alkohol die Oberhand über das Gefühlsleben des Partners erlangt hat. Gerade für die Entscheidungsfindung, ob und wie lange man gewillt ist, diese problematische Beziehung noch weiter zu ertragen, ob man dem Partner noch einmal eine erneute Chance gibt, ist die Klärung der Frage "Liebt er mich überhaupt?" von zentraler Bedeutung. 

Als mögliche Erklärung für dieses Verhalten bietet sich folgende Betrachtung an:

Der Alkoholkranke ist im Stadium der ansteigenden Abhängigkeit derartig mit der Aufrechterhaltung seiner Strategie beschäftigt, seinen Alkoholnachschub zu sichern, dass er für nichts anderes mehr Platz im Kopf hat. Es ist für ihn lebenswichtig, auf der einen Seite genug Alkohol trinken zu können, auf der anderen Seite aber vor dem Partner und den Kollegen, dem Chef und der Verwandtschaft und Bekanntschaft dies verheimlichen zu müssen. Gleichzeitig muss er Vorräte verstecken um zu jeder Zeit "auffüllen" zu können, und Ausreden erfinden um es zu begründen warum er auch heute nach Alkohol riecht obwohl er nur gestern einen kleinen Flachmann getrunken hat und Erklärungen für sein gestriges Verspäten zu finden, so dass er 24 Stunden am Tag praktisch bis zur Erschöpfung sein Leben managen muss, ohne Ärger zu kriegen. Das ist kein böser Wille - das ist Überlebensstrategie. Neben der Hauptbeschäftigung "Alkoholiker sein", die 90 Prozent der gesamten Energie dieses Menschen beansprucht, werden dann noch 10 Prozent benötigt um sich um Arbeit und Frau zu 

kümmern - eine ungeheure Anstrengung. Oft ist er am Abend komplett kaputt obwohl er den ganzen Tag nur herumgesessen hat, aber in seinem Kopf müssen schwerste Lebenskrisen bewältigt werden und das schlaucht. Für Liebe gibt es da einfach keinen Platz mehr. Wo das normale Leben ein pausenloser Kampf ist um das Überleben zu sichern wie damals in Neandertal in der Höhle, bleibt kein Raum für zarte Frühlingsgefühle. Der Kopf ist viel zu voll mit Dingen, die die Beschaffung des notwendigen Alkoholnachschubes betreffen, als das noch Platz für etwas Anderes wäre. Alles, aber auch alles andere muss schnell gehen, damit der Kopf wieder frei ist für "die wichtigen Dinge des Lebens".

 

Wir hoffen, dass diese Erklärung drastisch genug ist, um zu erläutern, dass der Betroffene nicht in der Lage ist, Ihrem natürlich verständlichen Anspruch auf Zuwendung und Liebe nachzukommen. Vermutlich würde er das gerne, aber er ist bereits zu tief in die Sucht verstrickt um sich dagegen wehren zu können. Es steht zu befürchten, dass er in Kürze ganz die Übersicht verliert und ein weiteres Stück tiefer in die Sucht abgleitet. So lange er trinkt, wird das in keinem Fall besser - es wird sicher noch schlechter.

 

Die alltäglichen Begleiterscheinungen

der Alkoholabhängigkeit darf man selbstverständlich auch nicht außer acht lassen: unangenehmer Geruch, übles Verhalten, teilweise Gewaltanwendung, hemmungsloses Ausleben besonderer Neigungen, die den Partner abstoßen; gegebenenfalls ständiges Fremdgehen und nicht zuletzt der alltägliche Ärger, die Diskussionen, der Frust, die Enttäuschung und der hilflose Zorn auf einen schier unbezwingbaren Feind - den Alkohol.

 

 

Fazit

 

Zum täglichen Kampf wegen der Trinkerei kommt zusätzlich der nächtliche Kampf wegen der Trinkerei - und das Eine zieht das Andere nach sich. Im Kampf um die Liebe und um den dazu gehörenden Sex aber ist man noch einsamer als am Tage. Mit niemandem kann man reden, man zweifelt an sich selbst und versucht krampfhaft sich einzureden, dass Sex keine große Wichtigkeit in einer Partnerschaft zuzuordnen sei. Tatsächlich sollte man aber den Eintritt von ähnlichen wie den oben genannten Zuständen als Warnsignal für die fortschreitende Entwicklung der Sucht erkennen und sich fragen, ob und wie lange das Leben so zu ertragen ist - auch für den Abhängigen. 

Ein Grund mehr, bald zu handeln.

 

Ein großer Anteil der sexuellen Probleme ist auch nach einer erfolgreichen Therapie noch nicht behoben. Bleiben Impotenz und/oder Lustlosigkeit, steigt der Frustpegel oder denken Sie, es hätte doch keinen Zweck und es müsst auch so gehen, dann wird es auf absehbare Zeit schwierig werden. Ebenso, wenn sich in nüchternem Zustand feststellen lässt, dass es mit dem gemeinsamen Sex irgendwie nicht so ist, wie Sie sich das wünschen, sind Gespräche wichtig. Zunächst natürlich untereinander, aber wenn es nicht recht hilft, dann brauchen Sie Hilfe von außen.

Hier kommt es auf Sie persönlich an: sie sind nicht allein mit diesen Problemen! Es gibt unzählige Paare, bei denen hier Schwierigkeiten bestehen und Sie fallen keineswegs auf oder aus dem Rahmen. Nutzen Sie daher, wenn etwas Geduld und Üben nicht recht helfen wollen, ein Gespräch mit dem/der Therapeuten/in. Tun Sie es nicht, gefährden Sie ganz eindeutig einerseits Ihre Beziehung oder Ehe und auch Ihre Abstinenz.

Sex gehört zum Leben und zur Liebe – einfach darauf verzichten kann der Körper und die Seele nicht ohne weiteres – auch wenn Sie das bisweilen glauben sollten. Mit den Jahren geht das nicht gut, und Sie haben ständig eine schlechte Lebensqualität.

Wohin das führt, können Sie sich für Ihr persönliches Leben bestimmt gut vorstellen.


Stellen Sie auf den nächsten Seiten fest, wo in der Sucht Sie und der Mensch, um den Sie sich Sorgen machen, stecken...        

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008