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Wo stehen wir eigentlich?

Eine Grundfrage von Ihnen lautet möglicherweise:

wie weit fortgeschritten ist diese Erkrankung eigentlich - und womit muss ich noch rechnen?

Man kann die Entwicklung grob in verschiedene Abschnitte teilen, die sich auch aus unserer Seite über den Verlauf der Suchterkrankung Alkoholismus ablesen lassen.

 

Die Vorphase

Alkohol trinkt man zum ersten Mal in der Regel deswegen, weil "man/n das eben tut" - an Geburtstagen, beim Essen, auf Festen - Erwachsene dürfen das, finden es sogar lustig, wenn der Junior seinen ersten Rausch hat. Angeregt durch das Vorbild wird es halt ausprobiert - meist bleibt es auch später beim gelegentlichen Trinken. Keine Abhängigkeit entwickelt sich.

Bei den meisten später Abhängigen wird aber schon bald empfunden, dass Trinken zu einer gewissen Erleichterung führt - Probleme verschwinden vorübergehend oder lassen sich leichter bewältigen. Aber das ist nicht immer so - mancher hat auch als Jugendlicher kaum oder nicht getrunken. Und absolut nicht jeder, der erlebt hat, dass manches leichter wird mit etwas Alkohol, wird später abhängig. Warum das so ist, ist nicht geklärt. Aber Viele waren schon als Jugendliche/r gern betrunken und empfanden diesen Zustand als angenehm. 

Auf jeden Fall aber muss dieses "Erleichterungstrinken" durchaus nicht bewusst erfolgen - daher ist es oft später im Leben auch sehr schwer, diese Phase gedanklich nachzuvollziehen.

Mit zunehmender Gewöhnung an den Alkohol benötigt der Mensch dann auch mehr "Stoff" um die vorher erlebte Wirkung, nämlich die Erleichterung, zu verspüren - die Alkoholtoleranz steigt. Auch das Betrunken- werden klappt nicht mehr so schnell, das ist auch ein Zustand der von manchen Menschen gern erlebt wird. Manche Menschen trinken nicht große Mengen, sie sind nie richtig betrunken. Sie brauchen den Alkohol nur zur Entlastung und trinken auch nur bis zu dieser Grenze.

Die Erleichterung wird nun immer häufiger benötigt, denn der Mensch ist zunehmend weniger belastbar. Aufregung, Ärger und Spannungen machen Druck, und der Druck kann durch Alkohol, oder auch durch Medikamente, aufgelöst werden. Aber diese Art und Weise des Trinkens ist nicht auffällig und auch für den Menschen selbst unverdächtig. 

 

Die Anfangsphase

Der Mensch wird jetzt alkoholkrank.

 

Allmählich artet dieses Erleichterungstrinken in regelrechte Anstrengung aus. Es mindert nicht mehr den sonstigen Stress, sondern beginnt den Körper zu schädigen und auffälliger zu werden - Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen gesellen sich dazu. Der ohnehin schon nicht mehr so recht belastbare Mensch steht unter Dauerdruck und muss eine Bewältigungsstrategie finden.

Das Verlangen nach "Stoff" wird also stärker.

Nach längerer (stunden- oder tagelanger) Abstinenz wird oft der Nachschub besonders gierig getrunken. Die Trinkpausen veranlassen zwar, anzunehmen, dass man nicht abhängig sein kann, aber dafür kreisen 

die Gedanken häufig um den Alkohol oder das Medikament.

Die Sorge, dass vielleicht nicht genug im Haus ist, ist immer da und ab und zu wird "vorsorglich" schon mal ein Schluck oder eine Tablette extra genommen. Oder der Mensch schafft es, sich das Leben so geordnet einzuteilen, dass ein Nachschubmangel nicht eintreten kann - dann ist er sicher. Die Angehörigen bemerken oft sehr lange von dieser Phase nichts.

Verschleierungstaktik "Heimlich Trinken"

Es erscheint nun aber doch zumindest gelegentlich ein wenig das übliche Maß an Alkoholmenge zu überschreiten, was da so innerhalb kurzer Zeiträume notwendig ist, um dem Leben an sich stand zu halten. Das fällt sogar dem Menschen selbst auf und er möchte, dass das niemand außer ihm bemerkt - also gibt es immer einmal ein paar Schluck in der Küche, im Keller im Bad. Davon wissen ja die anderen nichts und können daher auch kein unrichtiges Urteil über den Menschen fällen. Geschickt werden Angehörige und Freunde getäuscht und sind oft ahnungslos. Sollte "Drumherum" allerdings niemand etwas gegen die Alkoholmenge einzuwenden haben, braucht auch nicht heimlich getrunken werden. Wenn statt der Alkoholmenge die Medikamentenmenge gesteigert wird, fällt das kaum einmal jemand anderem auf und - es lässt sich selbstverständlich immer wegen körperlicher Beschwerden eine Begründung dafür finden. Die Medikamentenabhängigkeit kann sich einfacher weiterentwickeln als die Alkoholabhängigkeit.

Die aufkommenden Schuldgefühle

belasten noch weiter. Jeder Versuch, die Menge und/oder die Häufigkeit des Trinkens zu beschränken, scheitert immer wieder. Das ist peinlich und entwürdigend und führt daher zu erneuter Steigerung der Menge.

Jedes Ansprechen des Tabu-Thema`s muss vermieden werden,

denn es löst Ärger aus und macht Schuldgefühle und Stress. Jetzt fällt auch langsam auf, das sich das allgemeine Verhalten ändert und sich eine Art Gleichgültigkeit breit macht. Außerdem beginnen

immer häufiger Gedächtnislücken

für Verwirrung und unangenehme Situationen zu sorgen. Ein Verheimlichen ist langsam nicht mehr möglich. Das Zentrale Nervensystem ist nicht mehr in Ordnung und der Stoffwechsel funktioniert in Abhängigkeit von der Alkoholdosis.  Abends findet sich oft ein Zustand, bei dem der Alkohol einen Pegel erreicht hat, den man als 

"Narkose der Seele" bezeichnet.

 

Fazit

Bis zu diesem Stadium ist schon einiges geschehen. Vieles fand unbemerkt von Ihnen statt - Sie konnten es nicht bemerken, also machen Sie sich keine Vorwürfe. So bald aber der erhöhte Alkoholkonsum sichtbar zutage tritt, sollten alle Alarmglocken klingeln. 

Sie sehen es sicher selbst, dass jetzt Handeln wichtig ist, um Schlimmeres zu verhindern. Es wird aber nicht einfach sein, diesen Menschen dazu zu bewegen, sich helfen zu lassen. Ein erster Schritt könnte sein, den Hausarzt zu informieren - er hat oft nichts davon bemerkt.

Unter Umständen können Sie nichts weiter tun, weil der/die Betroffene "nicht weiß, wovon Sie reden". Auf jeden Fall sollten Sie nicht versuchen, über diese Sache zu sprechen, wenn der/diejenige getrunken hat. Das wäre sinnlos. 

 

Für den Fall, dass Sie nichts erreichen, sollten Sie sich eine Strategie zurechtlegen...

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008