Navigation fehlt links? Index nachladen


Psychologisches Phänomen -

ist es Co-Abhängigkeit und/oder das Helfersyndrom?

3

„Verbesserungsvorschläge“ werden gemacht, noch mehr Angebote gemacht, geredet, geredet, geredet...  Er/sie MUSS es doch letztendlich verstehen, dass alles nur für ihn/sie getan wird.

Bedingt durch die vermeintliche Fähigkeit, Gefühle von anderen Menschen „aufnehmen“ zu können, wird das eigene Gefühls-Chaos noch weiter vermischt und immer weiter durcheinander gebracht. Letztendlich ist kein klarer Gedanke mehr im Kopf der/des Co-Abhängigen zu finden.

In dieser verhängnisvollen Beziehung gleitet die anfängliche Liebe langsam in ein Bedürfnis zur vollkommenen Verschmelzung mit dem Partner ab. Es wird für Liebe gehalten, was an Panik und Angst in diesem Gefühlsvulkan hoch kocht, wenn die vage Möglichkeit der Beendung dieser Beziehung besteht. Unrealistisch romantische Vorstellungen von idealen Partnerschaften bilden sich, alles wird zunehmend theatralischer. Ganze Inszenierungen von tränenreichen Liebesschwüren werden absichtlich ausgelöst und jede nur erdenkliche Möglichkeit genutzt, ewige Liebe zu beteuern um eine entsprechende Gegenreaktion zu beschwören. Allerdings immer mit dem unbehaglichen Gefühl „so sehr wie ich ihn liebe, liebt er/sie mich sicher nicht“  „er/sie soll sehen, wie sehr ich zu lieben imstande bin, dann MUSS er/sie mich doch endlich wirklich lieben“  „ er sollte doch dankbar sein, dass das Schicksal es so gut mit ihm meint, und nun endlich mir zuliebe mit dem Trinken aufhören...“

Hinter allen Liebesschwüren steht pausenlos die panische Angst, den <<Einzigen>>, den <<endlich gefundenen>> <<DIE große Liebe des Lebens>> zu verlieren – trotz allen Einsatzes, trotz aller Bemühungen. Und wieder werden die Anstrengungen verdoppelt..

Der/die Co-Abhängige glaubt fest daran, dass nur seine/ihre Liebe es möglich machen kann, aus diesem Wrack zu machen, was er/sie dahinter zu sehen glaubt. „...wenn er nur nicht mehr trinken würde, dann könnte er der beste und edelste Mensch auf der Welt sein...“ „ ...wenn er nur lernt, dass hier ein Mensch ist, der ihn endlich wirklich versteht...“, „...ich sehe hinter der Fassade den wertvollen Menschen, der sein könnte, wenn ihn früher schon mal jemand gefördert hätte...“ 

Der/die Co-Abhängige ist meist außerstande, schlechte Seiten zu sehen oder auch nur die Möglichkeit zu erwägen, dass schlechte Eigenschaften oder gar ein schlechter und rücksichtsloser Charakter in dem so geliebten Menschen schlummern könnten. Für alles liegt sofort eine plausible Entschuldigung auf der Hand - Er/sie kann nicht dafür, ist halt ein rauher Kerl, meint das nicht so, oder es war ja nicht ernst gemeint.

Angst ist das Leitmotiv ihres Lebens – Angst vor Verlust der Anerkennung, Angst vor dem eigenen Versagen, Angst vor Vorwürfen, Angst den geliebten Menschen zu verlieren, Angst die ganze Schlacht zu verlieren, Angst als „unwert“ entdeckt zu werden, Angst davor, zugeben zu müssen, dass man einem Scheinbild nachgejagt ist, Angst davor, nicht geliebt zu werden. Die ständige Anwesenheit von Angst lässt den Co-Abhängigen erstarren in dem selbst geschaffenen Kreislauf aus Lügen, Aufopferung und Kontrolle über den undankbaren „Patienten“. Nichts darf die selbst geschaffene Ordnung stören, damit nicht erneut Unsicherheit ausbricht. Rechthaberisch wird verteidigt, was doch eigentlich ein erfundenes Gespinst ist, unflexibel kann kein Vorschlag von außen akzeptiert werden – er könnte dasPfeil hoch zerbrechliche Gefüge durcheinander bringen und dem Co-Abhängigen die Kontrolle entgleiten. Alles könnte zusammenbrechen.

 

Der Co-Abhängige braucht aber diese unselige Symbiose dieser kranken zwischenmenschlichen Beziehung – wie könnte er sonst eine Existenzberechtigung haben? 

Die Vorstellung macht Angst.

Er/sie möchte ganz tief in seinem Innersten, verborgen vor allen Menschen und verborgen vor ihm selbst, eigentlich lieber nicht, dass der „Patient“ gesundet – wo wäre dann seine Aufgabe im Leben? 

Die Vorstellung macht Angst.

 

Er/sie hat nicht wirklich ein Interesse daran, dass der „Patient“ selbstständig wird und für sich selbst Entscheidungen trifft – wen sollte er dann umsorgen? 

Die Vorstellung macht Angst.

Er/sie darf nicht wirklich zur idealen gleichberechtigten Partnerschaft gelangen – wie sollte er/sie denn auf diese Weise die Kontrolle über das gemeinsame Leben behalten? 

Die Vorstellung macht Angst.

Er/sie kann es sich nicht einmal vorstellen, dass dieses hilflose Bündel Mensch nicht mehr auf seine Hilfe angewiesen sein sollte! Ohne diese Hilfe wird der „Patient“ ja „vor die Hunde gehen“. 

Die Vorstellung macht Angst.

Woher sollte dann die so dringend ersehnte Liebe und Anerkennung kommen? 

Die Vorstellung macht Angst.

Denn geliebt wird man nur, wenn man sich bis zur Erschöpfung verausgabt.

Erst dann ist man ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft.

Er/sie ist ja ohne eine nicht zu bewältigende Aufgabe nichts mehr wert. 

Die Vorstellung macht Angst.

 

Die ganze Grundlage seiner/ihrer Existenz, der Sinn seines/ihres Lebens wäre plötzlich verschwunden und zurück bliebe ein großes gähnendes Loch aus weltumspannender Angst.


Der Co-Abhängige und der Abhängige behindern sich in ihrer Gesundung gegenseitig.


Der co-abhängige Mensch ist wie ein Bremsklotz an der Weiterentwicklung des Kranken festgekettet und kann diese Bindung nicht durchtrennen – Angst beherrscht ihn – was würde dann passieren?

Tragisch ist nur, dass der Helfer, der Co-Abhängige sich gleichzeitig wirklich wünscht, helfen zu können. 

Und die Aussage „...ich würde alles dafür tun, wenn XXX nur wieder gesund werden würde...“ ist gleichzeitig so wahr wie auch falsch.  

Um ein Gleichgewicht zwischen Helfen und Aufrechterhalten des Jetzt-Zustandes aus Selbstschutzgründen zu erreichen, sind subtile Strategien erforderlich, die förmlich das Letzte des Co-Abhängigen abverlangen. Diese diffizile Gratwanderung fordert alle seelischen und körperlichen Reserven – die Folge ist meist eine Kette von psychosomatischen Erkrankungen, die wiederum zu noch mehr Aufopferung  - aber auch zu noch mehr Anerkennung – führen „...trotz dem ich ständig krank bin, muss ich immer weiter meine Pflicht tun...“

Der/die Co-Abhängige blockiert also den Prozess der Gesundung. 

Co-Abhängige bemerken diesen Kreislauf nicht.

Wäre ein Co-Abhängiger rechtzeitig in der Lage, diesen Prozess zu erkennen und könnte, bzw. wollte er dieser Entwicklung gegensteuern, müsste er/sie sich völlig entgegengesetzt zur eigenen Natur verhalten. Wie soll ein Mensch, der Aufopferung als eine vorrangige Verpflichtung ansieht, plötzlich aufhören, sich bis zur Selbstaufgabe zu verausgaben? Wie soll ein Mensch, der es für unabdingbar hält, auf den kranken Partner in jeder Situation aufzupassen, plötzlich loslassen und keine Kontrolle mehr über dieses Leben ausüben? Wie soll ein Mensch, der glaubt, dass der kranke Partner hilflos auf sein Verständnis und seinen Schutz angewiesen ist, plötzlich begreifen, dass er eben diesen Partner seine eigenen Fehler machen lassen muss und ihn auch noch dafür gerade stehen lassen? Wie soll ein Mensch, der glaubt, nur er allein sei in der Lage mit Unmengen von Liebe zu bewirken, was der Verstand dieses kranken Menschen nicht begreifen konnte, plötzlich alle überquellende Liebe zurückbehalten und dem Kranken entziehen, weil das angeblich besser für ihn sei? Wie soll ein Mensch, der überhaupt von Gefühlen geradezu überströmt begreifen, dass diese Flut den geliebten Menschen unter sich zu ertränken droht, und plötzlich diese Liebe „dosieren“?  Wie soll ein Mensch, der glaubt, alles auf Erden durch Gespräche und das Bemühen um Verständnis für alle und alles, begreifen, dass er aufhören muss zu reden und zu bitten? Wie soll er begreifen, dass er dieses angeblich so hilflos auf ihn angewiesene kranke und bedauernswerte Menschlein eine Weile sich selbst überlassen muss, damit es wieder beginnt, selbst und für sich zu denken? Alle erstrebenswerten und edlen menschlichen Verhaltensformen wie Gutmütigkeit, Verständnis, wie Toleranz und Hilfsbereitschaft sollen plötzlich nicht angebracht – nicht mehr „gut und richtig“ sein? Wie kann man als Co-Abhängiger einsehen, dass der seither  weltumspannende humanitäre Grundgedanke, die „Christliche Nächstenliebe“ nicht nur völlig unangebracht ist – sondern vielmehr verheerende Folgen nach sich zieht?

Das ganze Weltbild stürzt zusammen. Selbst wenn dieser Sachverhalt im eigentlichen Sinne verstanden wird – zum Ablegen der jahrelangen Verhaltensmuster ist noch ein großer Schritt. Wo Halt und wo Ordnung war, ist auf einmal kein Boden mehr unter den Füssen – Angst breitet sich aus.

Wenn er oder sie im kranken Partner ein gleichberechtigtes und selbstständiges Individuum erkennen könnte, dem eigene Entscheidungen – wirklich nur eigene Entscheidungen - über sein Leben zuständen , wäre bereits der verhängnisvolle Kreislauf durchbrochen. Der Co-Abhängige sollte sich am besten für sich selbst professionelle Hilfe suchen, denn es ist unendlich schwer, sich gegen seine Natur und gegen alle Einsicht und Gewohnheit wie ein fremder Mensch zu verhalten.

Dann – erst dann, wenn im Spiegel dieser Partnerschaft der Andere tut, was er sonst nicht tut, wenn die Reflektion ein ungewohntes Bild zeigt, wird der Suchtkranke wach und muss anders reagieren, als er es gewohnt ist. Der Suchtkranke wird sonst weiter in seiner Sucht gefangen bleiben Eine Veränderung tritt ein – langsam aber sicher. Ausgelöst vom Partner, vom ebenso kranken Co-Abhängigen, können neue Wege beschritten werden – heraus aus dem eingefahrenen Trott in eine neue und bessere Zukunft.

Wenn ein co-abhängiger Mensch aber erst einmal von seiner Co-Abhängigkeit genesen ist, wenn die krankhaften Anteile aus dem Denken und die schädlichen überfürsorglichen Verhaltensweisen nicht mehr als Reflex unkontrolliert ablaufen, wenn dieser Mensch gelernt hat das zu tun, was getan werden muss, um jemand zu helfen - aber nicht mehr als das - dann ist dieser Mensch einer der Wertvollsten, die man sich vorstellen kann. Mit seiner intuitiven Fähigkeit zu erspüren, was ein anderer benötigt und fühlt, entwickelt sich rasch eine echte Hilfestellung für den Mitmenschen. Die wirkliche Achtung des Umfeldes ist diesem Menschen gewiss - und er wird gebraucht, denn eine große Zahl von Menschen benötigt Hilfe. Die psychosomatischen Erkrankungen werden nach und nach weichen und der ehemals von einem Abhängen abhängige Mensch kann seine heilenden, seine helfenden Fähigkeiten zum Wohle aller gezielt einsetzen - oder es auch lassen, wenn er das möchte.

Blume

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008