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„Verbesserungsvorschläge“ werden gemacht, noch mehr Angebote
gemacht, geredet, geredet, geredet... Er/sie
MUSS es doch letztendlich verstehen, dass alles nur für ihn/sie getan wird.
Bedingt durch die vermeintliche Fähigkeit, Gefühle von
anderen Menschen „aufnehmen“ zu können, wird das eigene Gefühls-Chaos noch
weiter vermischt und immer weiter durcheinander gebracht. Letztendlich ist kein
klarer Gedanke mehr im Kopf der/des Co-Abhängigen zu finden.
In dieser verhängnisvollen Beziehung gleitet die anfängliche
Liebe langsam in ein Bedürfnis zur vollkommenen Verschmelzung mit dem Partner
ab. Es wird für Liebe gehalten, was an Panik und Angst in diesem Gefühlsvulkan
hoch kocht, wenn die vage Möglichkeit der Beendung dieser Beziehung besteht.
Unrealistisch romantische Vorstellungen von idealen Partnerschaften bilden sich,
alles wird zunehmend theatralischer. Ganze Inszenierungen von tränenreichen
Liebesschwüren werden absichtlich ausgelöst und jede nur erdenkliche Möglichkeit
genutzt, ewige Liebe zu beteuern um eine entsprechende Gegenreaktion zu beschwören.
Allerdings immer mit dem unbehaglichen Gefühl „so sehr wie ich ihn liebe,
liebt er/sie mich sicher nicht“ „er/sie
soll sehen, wie sehr ich zu lieben imstande bin, dann MUSS er/sie mich doch
endlich wirklich lieben“ „ er sollte doch dankbar sein, dass das
Schicksal es so gut mit ihm meint, und nun endlich mir zuliebe mit dem Trinken
aufhören...“
Hinter allen Liebesschwüren steht pausenlos die panische
Angst, den <<Einzigen>>, den <<endlich gefundenen>>
<<DIE große Liebe des
Lebens>> zu verlieren – trotz allen Einsatzes, trotz aller Bemühungen. Und
wieder werden die Anstrengungen verdoppelt..
Der/die Co-Abhängige glaubt fest daran, dass nur
seine/ihre Liebe es möglich machen kann, aus diesem Wrack zu machen, was er/sie
dahinter zu sehen glaubt. „...wenn er nur nicht mehr trinken würde, dann könnte
er der beste und edelste Mensch auf der Welt sein...“ „ ...wenn er nur
lernt, dass hier ein Mensch ist, der ihn endlich wirklich versteht...“,
„...ich sehe hinter der Fassade den wertvollen Menschen, der sein könnte,
wenn ihn früher schon mal jemand gefördert hätte...“
Der/die Co-Abhängige ist meist außerstande, schlechte Seiten zu
sehen oder auch nur die Möglichkeit zu erwägen, dass schlechte Eigenschaften
oder gar ein schlechter und rücksichtsloser Charakter in dem so geliebten
Menschen schlummern könnten. Für alles liegt sofort eine plausible
Entschuldigung auf der Hand - Er/sie kann nicht dafür, ist halt ein rauher
Kerl, meint das nicht so, oder es war ja nicht ernst gemeint.
Angst
ist das Leitmotiv ihres Lebens – Angst vor Verlust der Anerkennung,
Angst vor dem eigenen Versagen, Angst vor Vorwürfen, Angst den geliebten
Menschen zu verlieren, Angst die ganze Schlacht zu verlieren, Angst als
„unwert“ entdeckt zu werden, Angst davor, zugeben zu müssen, dass man einem
Scheinbild nachgejagt ist, Angst davor, nicht geliebt zu werden. Die ständige
Anwesenheit von Angst lässt den Co-Abhängigen erstarren in dem selbst
geschaffenen Kreislauf aus Lügen, Aufopferung und Kontrolle über den
undankbaren „Patienten“. Nichts darf die selbst geschaffene Ordnung stören,
damit nicht erneut Unsicherheit ausbricht. Rechthaberisch wird verteidigt, was
doch eigentlich ein erfundenes Gespinst ist, unflexibel kann kein Vorschlag von
außen akzeptiert werden – er könnte das zerbrechliche Gefüge
durcheinander bringen und dem Co-Abhängigen die Kontrolle entgleiten. Alles könnte
zusammenbrechen.
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Der
Co-Abhängige braucht aber diese unselige Symbiose dieser kranken
zwischenmenschlichen Beziehung – wie könnte er sonst eine
Existenzberechtigung haben?
Die Vorstellung macht Angst.
Er/sie
möchte ganz tief in seinem Innersten, verborgen vor allen Menschen und
verborgen vor ihm selbst, eigentlich lieber nicht, dass der „Patient“
gesundet – wo wäre dann seine Aufgabe im Leben?
Die
Vorstellung macht Angst. |
Er/sie
hat nicht wirklich ein Interesse daran, dass der „Patient“ selbstständig
wird und für sich selbst Entscheidungen trifft – wen sollte er dann umsorgen?
Die Vorstellung macht Angst.
Er/sie darf nicht
wirklich zur idealen gleichberechtigten Partnerschaft gelangen – wie sollte
er/sie denn auf diese Weise die Kontrolle über das gemeinsame Leben behalten?
Die Vorstellung macht Angst.
Er/sie kann es sich
nicht einmal vorstellen, dass dieses hilflose Bündel Mensch nicht mehr auf
seine Hilfe angewiesen sein sollte! Ohne diese Hilfe wird der „Patient“ ja
„vor die Hunde gehen“.
Die Vorstellung macht Angst.
Woher sollte dann
die so dringend ersehnte Liebe und Anerkennung kommen?
Die Vorstellung macht
Angst.
Denn geliebt wird
man nur, wenn man sich bis zur Erschöpfung verausgabt.
Erst dann ist man
ein anerkanntes Mitglied dieser Gesellschaft.
Er/sie ist ja ohne
eine nicht zu bewältigende Aufgabe nichts mehr wert.
Die Vorstellung macht
Angst.
Die ganze Grundlage
seiner/ihrer Existenz, der Sinn seines/ihres Lebens wäre plötzlich
verschwunden und zurück bliebe ein großes gähnendes Loch aus weltumspannender
Angst.
Der
Co-Abhängige und der Abhängige behindern sich in ihrer Gesundung gegenseitig.
Der co-abhängige
Mensch ist wie ein Bremsklotz an der Weiterentwicklung des Kranken festgekettet
und kann diese Bindung nicht durchtrennen – Angst beherrscht ihn – was würde
dann passieren?
Tragisch ist nur, dass der Helfer, der Co-Abhängige sich
gleichzeitig wirklich wünscht, helfen zu können.
Und
die Aussage „...ich würde alles dafür tun, wenn XXX nur wieder gesund werden
würde...“ ist gleichzeitig so wahr wie auch falsch.
Um ein Gleichgewicht
zwischen Helfen und Aufrechterhalten des Jetzt-Zustandes aus Selbstschutzgründen
zu erreichen, sind subtile Strategien erforderlich, die förmlich das Letzte des
Co-Abhängigen abverlangen. Diese diffizile Gratwanderung fordert alle
seelischen und körperlichen Reserven – die Folge ist meist eine Kette von
psychosomatischen Erkrankungen, die wiederum zu noch mehr Aufopferung - aber auch zu noch mehr Anerkennung – führen „...trotz
dem ich ständig krank bin, muss ich immer weiter meine Pflicht tun...“
Der/die Co-Abhängige blockiert also den Prozess der
Gesundung.
Co-Abhängige bemerken diesen Kreislauf nicht.
Wäre ein Co-Abhängiger rechtzeitig in der Lage, diesen
Prozess zu erkennen und könnte, bzw. wollte er dieser Entwicklung gegensteuern,
müsste er/sie sich völlig
entgegengesetzt zur eigenen Natur verhalten. Wie soll ein Mensch, der
Aufopferung als eine vorrangige Verpflichtung ansieht, plötzlich aufhören,
sich bis zur Selbstaufgabe zu verausgaben? Wie soll ein Mensch, der es für
unabdingbar hält, auf den kranken Partner in jeder Situation aufzupassen, plötzlich
loslassen und keine Kontrolle mehr über dieses Leben ausüben? Wie soll ein
Mensch, der glaubt, dass der kranke Partner hilflos auf sein Verständnis und
seinen Schutz angewiesen ist, plötzlich begreifen, dass er eben diesen Partner
seine eigenen Fehler machen lassen muss und ihn auch noch dafür gerade stehen
lassen? Wie soll ein Mensch, der glaubt, nur er allein sei in der Lage mit
Unmengen von Liebe zu bewirken, was der Verstand dieses kranken Menschen nicht
begreifen konnte, plötzlich alle überquellende Liebe zurückbehalten und dem
Kranken entziehen, weil das angeblich besser für ihn sei? Wie soll ein Mensch,
der überhaupt von Gefühlen geradezu überströmt begreifen, dass diese Flut
den geliebten Menschen unter sich zu ertränken droht, und plötzlich diese
Liebe „dosieren“? Wie soll ein
Mensch, der glaubt, alles auf Erden durch Gespräche und das Bemühen um Verständnis
für alle und alles, begreifen, dass er aufhören muss zu reden und zu bitten?
Wie soll er begreifen, dass er dieses angeblich so hilflos auf ihn angewiesene
kranke und bedauernswerte Menschlein eine Weile sich selbst überlassen muss,
damit es wieder beginnt, selbst und für sich zu denken? Alle erstrebenswerten
und edlen menschlichen Verhaltensformen wie Gutmütigkeit, Verständnis, wie
Toleranz und Hilfsbereitschaft sollen plötzlich nicht angebracht – nicht mehr
„gut und richtig“ sein? Wie kann man als Co-Abhängiger einsehen, dass der
seither weltumspannende humanitäre
Grundgedanke, die „Christliche Nächstenliebe“ nicht nur völlig
unangebracht ist – sondern vielmehr verheerende Folgen nach sich zieht?
Das ganze Weltbild stürzt zusammen. Selbst wenn dieser
Sachverhalt im eigentlichen Sinne verstanden wird – zum Ablegen der
jahrelangen Verhaltensmuster ist noch ein großer Schritt. Wo Halt und wo
Ordnung war, ist auf einmal kein Boden mehr unter den Füssen – Angst breitet
sich aus.
Wenn er oder sie im kranken Partner ein gleichberechtigtes
und selbstständiges Individuum erkennen könnte, dem eigene Entscheidungen –
wirklich nur eigene Entscheidungen - über sein Leben zuständen , wäre
bereits der verhängnisvolle Kreislauf durchbrochen. Der
Co-Abhängige sollte sich am besten für sich selbst professionelle Hilfe
suchen, denn es ist unendlich schwer, sich gegen seine Natur und gegen alle
Einsicht und Gewohnheit wie ein fremder Mensch zu verhalten.
Dann – erst dann, wenn im Spiegel dieser Partnerschaft
der Andere tut, was er sonst nicht tut, wenn die Reflektion ein ungewohntes Bild
zeigt, wird der Suchtkranke wach und muss anders reagieren, als er es gewohnt
ist. Der Suchtkranke wird sonst weiter in seiner Sucht gefangen bleiben Eine Veränderung
tritt ein – langsam aber sicher. Ausgelöst vom Partner, vom ebenso kranken
Co-Abhängigen, können neue Wege beschritten werden – heraus aus dem
eingefahrenen Trott in eine neue und bessere Zukunft.
Wenn
ein co-abhängiger Mensch aber erst einmal von seiner Co-Abhängigkeit
genesen ist, wenn die krankhaften Anteile aus dem Denken und die
schädlichen überfürsorglichen Verhaltensweisen nicht mehr als Reflex
unkontrolliert ablaufen, wenn dieser Mensch gelernt hat das zu tun, was
getan werden muss, um jemand zu helfen - aber nicht mehr als das - dann
ist dieser Mensch einer der Wertvollsten, die man sich vorstellen kann.
Mit seiner intuitiven Fähigkeit zu erspüren, was ein anderer benötigt
und fühlt, entwickelt sich rasch eine echte Hilfestellung für den
Mitmenschen. Die wirkliche Achtung des Umfeldes ist diesem Menschen gewiss
- und er wird gebraucht, denn eine große Zahl von Menschen benötigt
Hilfe. Die psychosomatischen Erkrankungen werden nach und nach weichen und
der ehemals von einem Abhängen abhängige Mensch kann seine heilenden,
seine helfenden Fähigkeiten zum Wohle aller gezielt einsetzen - oder es
auch lassen, wenn er das möchte.
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