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Der
abhängige Elternteil
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Eines soll vorausgeschickt werden – kein Alkoholabhängiger ist wie jeder andere Alkoholabhängige. Es gibt es nicht, das allgemeingültige Bild eines prügelnden und randalierenden Alkoholikers. Da jeder Mensch ein Einzelwesen ist, ist folglich auch jeder alkoholkranke Mensch nicht genau so, wie sein ebenfalls Alkoholtrinkender Nachbar. Also gilt nicht jede Erklärung für jeden Menschen. Es gibt eine Vielzahl von
Schattierungen, im Guten wie im Bösen. Es gibt aber auch genauso Väter und Mütter, die trotz ihrer Abhängigkeit zumindest für eine gewisse Zeit Liebe vermitteln konnten, bei denen es ein relativ normales Familienleben gab oder gibt.
Diese Abhängigen sollen uns hier aber weniger beschäftigen. In verminderter Form werden die Kinder aus solchen Beziehungen auch Probleme haben, aber (hoffentlich) nicht so ausgeprägte. Die Problematik liegt natürlich in den Familien, in denen nicht alles vorbildhaft abläuft. Familien in denen sich Kinder seelisch
quälen müssen. Wenn man einmal mit ehemaligen Abhängigen darüber
spricht, wie sie und was sie für die Kinder während ihrer nassen Phase
empfunden haben, wird man sich über die Antwort häufig erschrecken, wenn man sich nicht mit Abhängigkeitserkrankungen
auskennt. Es ist einfach so, dass Abhängige ihr Suchtmittel vor
alles stellen müssen, weil die Sucht es so diktiert. Wirklich vor alles
andere. Zuerst kommt beim Alkoholismus die Flasche, der Nachschub, und
dann mit einer großen Unterbrechung erst alles andere. Das bedeutet durchaus nicht, dass das Kind dem Abhängigen
egal sein muss. Es kann so sein, aber es muss nicht so sein. In jedem Fall wird aber der Alkohol dem Abhängigen weit näher
sein, als alle anderen Dinge auf der Welt. Weit wichtiger, denn er ist
lebensnotwendig. Alles andere, auch
DAS ist die Sucht. Das ist die Erkrankung. Das ist der Kern allen Übels. Das ist kein böser Wille, das ist die Krankheit "Sucht". Es gibt Eltern, die sich nach Ihrem Trockenwerden überhaupt nicht daran erinnern, ob und welches Verhältnis sie zu den Kindern hatten. Es ist ihnen einfach nicht aufgefallen.
Kinder werden unter Umständen sogar dazu benutzt, sich
einen Grund zum Trinken zu schaffen – sie machen Krach, sie nerven, sie
stellen Ansprüche, die man nicht erfüllen kann, sie erinnern einen an
die eigene Unzulänglichkeit, und manchmal sind sie Schachfiguren, die man
einsetzen kann - kurz zusammengefasst: Kinder störten den unbeschwerten
Umgang mit dem Alkohol.
Selbst der liebevolle Umgang eines Abhängigen mit den Kindern hat in belasteten Familien unbewusst meist nur einen Zweck – der Abhängige möchte sich selbst etwas Wärme und Geborgenheit holen, er will selbst getröstet und geliebt werden. Das ist so bei einer Suchterkrankung – es gibt ja auch Phasen des Selbstmitleides, in denen sich der Kranke selbst hilflos und am Ende fühlt. Dies ist meist in den Phasen der Fall, in denen er/sie versucht, auf Alkohol zu verzichten. So bald aber wieder ein Schluck Alkohol getrunken wurde, ist der kranke Mensch sofort wieder euphorisch, aufgekratzt, kann albern, und meint, sich unwahrscheinlich gut zu fühlen. Diese Phasen sind für das Kind natürlich sehr angenehm, und weit eher als Kinder aus „normalen Beziehungen“ ohne Alkoholeinfluss wissen Kinder von Alkoholikern es zu schätzen, wenn sich gelegentlich die ganze Aufmerksamkeit auf sie richtet und sich jemand mit ihnen beschäftigt. Manchmal spüren Kinder auch instinktiv, dass diese „Liebeszuteilung“ eigenartig ist. Auf jeden Fall aber erhält auf diese Weise das Kind so wenigstens einige Streicheleinheiten – ein wenig der so sehr benötigten „Elternliebe“ – und gerade dies ist der Grund, weshalb der alkoholkranke Mensch meist eher als liebevoll empfunden wird, als der „gesunde“ Elternteil, der für solche „unwichtigen Dinge“ ja nun überhaupt keine Zeit hat.
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Es gibt eine Reihe trockener Alkoholiker, die ihr damaliges
Empfinden gegenüber den Kindern als „nicht vorhanden“ beschreiben.
Die Kinder wurden während der nassen Phase nicht wirklich wahrgenommen
– sie waren gleichgültig. Allerdings sind das in dieser Zeit alle
Menschen mehr oder weniger für den Kranken – uninteressant. Wenn natürlich
schon Erwachsene nicht damit umgehen können, von ihrem Partner oder Angehörigen
einfach übersehen zu werden – wie sollen es dann Kinder können?
Oft kommen Schuldgefühle auf – der kranke Mensch
versucht, Versäumtes oder Ungerechtes wieder gutzumachen. Manche
versuchen es mit „Bestechung“ – sofern die finanziellen Möglichkeiten
es noch zulassen. Das Kind merkt jedoch ganz gut, dass es gekauft werden
soll und lernt (manchmal mit einem miesen Gefühl im Bauch), diese Möglichkeiten
auszunutzen. Oft wird auch erlaubt, was sonst für alle anderen verboten
ist. Damit kann man herrlich vor Gleichaltrigen protzen – ein
vermeintlicher Vorteil gegenüber anderen Kindern. Viele Abhängige, und auch deren
Partner, sind jedoch tatsächlich der Auffassung,
dass die Kinder es nicht merken, dass sie trinken. Sie versuchen, immer nüchtern
zu wirken. Sie „Kumpeln“ mit den Kindern, sie versuchen, die Kinder
wie Erwachsene zu behandeln – fördern ihrerseits den Alkoholkonsum des
Kindes, und bringen die Kinder teilweise in Situationen, in denen die
Kinder sich überaus unwohl fühlen. Oft werden auch halbwüchsige Jungen
mit auf Sauftouren genommen und finden sich nicht selten in zwielichtigen
Etablissements wieder - sie "dürfen" sich in das erwachsen- sein
Diese Kumpelei führt leider häufig auch zu Überschreitungen der Verletzbarkeitsgrenze von Kinderseelen – ebenso wie beim „gesunden“ Elternteil wird das Kind schnell als Erwachsenenersatz missbraucht. Wenn der Abhängige niemand zum Reden hat, wenn er niemand hat, von dem er Verständnis und Zustimmung für sein Verhalten erhalten kann, ist schnell das vertrauliche Gespräch „wie zwischen Erwachsenen“ geführt. Das verwirrte Kind weiß nicht, ob es das als „Ehre“ betrachten soll, denn oft geht es hier um Dinge, die nicht kindgerecht sind. Die Überforderung wird deutlich, wenn man von manchen Kindern im Erwachsenenalter davon berichten hört. Es war unmöglich, sich solchen Gesprächen zu entziehen – manche Mädchen werden von Ihren Müttern praktisch ihr Leben lang zu solchen Gesprächen gezwungen, selbst wenn sie darum gebeten haben, davon verschont zu bleiben. |
© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)
Stand: 25. Oktober 2008