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Das ganze Leben besteht aus Stress...

Kinder von Abhängigen wissen oft selbst lange Zeit nicht, dass sie in ihrer Kindheit Schaden an der Seele genommen haben. Meist wird ihnen erst klar, dass etwas nicht stimmt, wenn sie über 25 sind und vielleicht selbst eine eigene Familie haben. Einige sind bis zu diesem Zeitpunkt selbst abhängig geworden und bemerken jetzt, dass sie ihr Leben doch nicht so im Griff haben, wie sie dachten.

Und viele stellen fest, dass sie – entgegen ihrer Absichten – ein ähnliches Leben führen, wie die Eltern. Das wollten sie doch um jeden Preis vermeiden.

Aber die Vergangenheit holt sie ein.

 

Was ist in der Kindheit passiert?

Sie haben gelernt, sich besser nicht an alles so genau oder überhaupt zu erinnern.

Sie haben gelernt, blitzschnell auf neue Situationen zu reagieren.

Sie haben gelernt, niemandem zu vertrauen.

Sie haben gelernt, dass Lügen zum Alltag gehören.

Sie haben gelernt, sich an Extreme anzupassen.

Sie haben gelernt, besonders gut zu schauspielern.

Sie haben gelernt, dass sie keinen Schutz bekommen.

Sie haben gelernt, ignoriert und übersehen zu werden.

Sie haben gelernt, als Kind die Erwachsenen zu schützen.

Sie haben gelernt, mit niemand über ihr Leben zu reden.

Sie haben gelernt, eine bestimmte Rolle zu übernehmen, die ihnen in der Familie zugeteilt wird.

Sie haben gelernt, Unangenehmes zu verdrängen.

Sie haben gelernt, dass Geborgenheit ein vages Gefühl von Chaos bedeutet.

Sie haben gelernt, sich endlos allein zu fühlen.

Sie haben gelernt, sehr früh erwachsen zu reagieren.

Sie haben gelernt, sich in Phantasiewelten wohler zu fühlen, als im wirklichen Leben.

Sie haben gelernt, Gefühle zu zeigen, die sie nicht haben.

Sie haben gelernt, Gefühle zu unterdrücken und verleugnen, die sie haben.

Sie haben gelernt, Spielball zwischen den Eltern zu sein.

Sie haben gelernt, im Stich gelassen zu werden.

Sie haben gelernt, immer davor Angst haben zu müssen, plötzlich allein gelassen zu werden.

Sie haben gelernt, sich wertlos zu fühlen.

 

Kinder haben gelernt, nicht alles zu sagen, was wahr ist.

Ihre Wahrheit ist oft eine andere, eine eigene Wahrheit

Manchmal haben sie gelernt, nicht mehr zu wissen, was wahr ist und was erfunden.

 

Sie haben auch verlernt, ein Kind zu sein.

 

Kinder von Abhängigen sind den blitzschnell wechselnden Gefühlen und Launen der Eltern ausgeliefert. Nie wissen sie, was im nächsten Moment passiert. Gibt es Krach oder Liebe, Desinteresse oder Hiebe.

 

Solch ein Leben bedeutet Dauerstress.

Dauerstress überfordert die Seele und den Körper.

Überforderung macht krank.

 

Die Kontrolle über das eigene Leben haben sie nie gehabt. Jeder Tag, jede Stunde war Telefon voller erschreckender Überraschungen. So wird es für den Rest ihres Lebens eine wichtige Aufgabe für sie sein, nicht wieder die Kontrolle zu verlieren. Sie haben für die Zeit ihrer Kindheit ständig versucht, das Chaos unter Kontrolle zu behalten – so, haben sie gelernt, ist eben das Leben.

Dazu gehört, Menschen geschickt zu manipulieren.

Dazu gehört, niemandem wirklich zu vertrauen.

Dazu gehört, sich nicht in die Karten blicken zu lassen.

Dazu gehört, vorausschauend zu sein.

Dazu gehört, Dinge zu tun, von denen andere noch gar nicht wissen, dass sie getan werden müssen.

Dazu gehört, ungefragt für andere zu handeln.

Dazu gehört, unaufhörlich dafür zu arbeiten, dass alles läuft.

 

Einen Teil dieser Attribute kann man zusammenfassend auch als „fürsorglich“ beschreiben.

Fürsorge und Hilfeleistung für andere sind ihre große Stärke.

Und das sind dann meist auch die Berufe, die von solchen Menschen ergriffen werden.

Darunter finden sich die „hilflosen Helfer“, von denen man so oft liest.

Es sind Menschen, die ihr ganzes Denken und Sein auf andere ausrichten.

Menschen, die sich selbst vernachlässigen, und nur für andere die ganze Aufmerksamkeit aufbringen.

Es werden perfekte Partner für Suchtkranke.

Es sind perfekte Co-Alkoholiker.

Sie entwickeln meist ein „Helfersyndrom“.

Und der Anteil derjenigen Kinder aus suchtbelasteten Familien, die sich selbst in einer Partnerschaft wieder finden, in der der Partner entweder abhängig ist oder ein anderes „hilfloses Wesen“, dass behütet und versorgt werden muss, ist sehr hoch.

Selbst wenn solche Partnerschaften auseinander gehen, wird man es fast immer erleben, dass der nächste Partner wieder dieselben Grundzüge aufweist - ein Kreislauf, aus dem schwer auszubrechen ist.

Selbst dann, wenn einem klar ist, dass man dieses Problem hat und man versucht, daran etwas zu ändern.

 

Kinder müssen sich gefühlsmäßig vor der immer wiederkehrenden Hoffnungszerstörung schützen. 

Wie kann man sich selbst als Kind davor schützen, sich immer wieder so elend und allein zu fühlen?

Wie davor schützen, so unendlich viel Angst und Panik haben zu müssen?

Wie kann man sich davor schützen, sich bis auf die Knochen blamieren zu lassen; sich zu schämen, sich belügen, verletzen, erniedrigen oder gar schlagen zu lassen? 

Wie kann man sich vor sexuellen Übergriffen von Erwachsenen schützen? 

Wie kann man sich davor schützen, als „Verbündeter“ gegen den anderen Elternteil missbraucht zu werden?

Wie kann man sich davor schützen, negative und zerstörerische Gefühle zu haben, die man nicht haben will? 

Wie kann sich ein Kind davor schützen, immerzu ignoriert und übersehen zu werden?  

 

Kein Mensch kann die nicht enden wollende Anzahl von Enttäuschungen überstehen, wenn er sich nicht abhärtet dagegen. Diese kleinen unfreiwilligen Erwachsenen müssen resignieren, denn das Vertrauen, dass sie jedes mal in den Abhängigen und auch gegenüber dem "gesunden" Elternteil haben, wird doch immer wieder enttäuscht. 

Und doch - trotz aller scheinbarer Härte und Gleichgültigkeit, die manchmal nach außen gezeigt wird, keimt immer wieder ein kleines Stückchen Hoffnung in einem geheimen Winkel auf – und Schmerz auf Schmerz muss ausgehalten werden, wenn die Versprechen wieder nicht gehalten werden.

Man kann sich nur dadurch vor der immer wieder kehrenden Verletzung schützen, in dem man lernt, eigene Gefühle zu unterdrücken. Diese Gefühle werden so weit weggeschoben, dass die Verbindung zu ihnen im Laufe der Jahre abreißt. Sie fühlen sich innerlich tot – Frauen mehr als Männer, denn Männer setzen sich häufig nicht mit ihren vorhandenen oder eben nicht vorhandenen Gefühlen auseinander – oft werden sie selbst abhängig um gerade das nicht zu müssen.

 

Kinder von Abhängigen können extreme Situationen gut aushalten und sind damit für „Krisenmanagement“ bestens geeignet. Es ist also durchaus nicht so, dass sie nur Eigenschaften erworben haben, die sie wieder los sein möchten - manche Charakterzüge sind auch von Vorteil.

 

Der nicht abhängige Elternteil macht häufig mehr Schwierigkeiten für die Kinder als der Junge Abhängige selbst. Im Prinzip hat der angeblich so hilflose Abhängige alle Familienmitglieder in der Hand und alle müssen sich nach ihm richten. Alles dreht sich folglich um den Abhängigen und oft wird die „Erziehung“ ein Schlachtfeld um die Liebe der Kinder. 

Der einzige Mensch, von dem man Schutz und Solidarität erwarten könnte, ist zu kraftlos, zu genervt und zu beschäftigt, um das Kind überhaupt wahrzunehmen. So bald aber die abhängige Person den Kindern vermeintlich liebevolle Aufmerksamkeit angedeihen lässt, regt sich Hass, Eifersucht  und Wut – ein Kampfplatz beider Eltern. Der nicht abhängige Elternteil fühlt sich hintergangen und ausgetrickst.  

 

Der Leidtragende ist aber das Kind, dass von niemandem genügend Liebe und Geborgenheit bekommt. 

Das wird allerdings vor lauter Stress und Anstrengung nicht bemerkt, oder das Kind wird sogar noch gezwungen, Partei gegen den Abhängigen zu beziehen – eine erschreckende Zwickmühle.

 

Wenn jeder der Eltern in klaren Momenten versucht, das Kind auf die eigene Seite zu ziehen und Entschuldigungen für das eigene Verhalten als Erklärung für den Lauf der Dinge zu vermitteln sucht, muss das Kind sich wie ein Verräter fühlen – denn lieb haben tut es ja beide. 

Ja mehr noch, es brauchte mehr Liebe als jedes andere Kind – doch es wird benutzt und manipuliert, wie ein Erwachsener. 

Und es ist doch ein Kind, in seinem Denken und Fühlen ein Kind, und nicht ein Verbündeter, ein Kumpan gegen den anderen. 

Aber das wird nicht realisiert.

 

Wie sollte ein Mensch diese vielfältigen Verletzungen unbeschadet überstehen können?

Das Familienleben bedeutet unter Umständen mehr Stress, als ein 8-Stunden-Arbeitstag.

 

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008