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 Zwischenbilanz einer Co-Abhängigen

 

 

  Ich kann mich nicht an sehr viele Erlebnisse aus meiner frühen Kindheit erinnern, aber an meine Gefühle und Gedanken.

 

Meine Gefühle und Gedanken haben sich in mein Gedächtnis förmlich eingebrannt. Sie tauchen immer wieder mal ganz unvorhergesehen auf und schmeißen mich dann aus der Bahn. Besser gesagt, sie machen mich sehr nachdenklich und lassen mich wieder wie früher fühlen, so als wenn mein Leben danach nicht existieren würde.

 

Der Vorteil älter zu werden ist, dass ich meine Gefühle von damals jetzt mit Ereignissen oder aber mit dem Verhalten von anderen besser bzw. logischer und neutraler verknüpfen kann.

 

Meine Mutter

An meine Mutter kann ich mich in diesem Alter nicht so genau erinnern. Sie war immer da, ich habe sie immer (auch heute noch) wie meine Oma (Ihre Mutter) gesehen: Lieb, stark und immer für einen da, egal was passiert. 

Ich habe gewusst, dass ich Ihr nicht gefallen muss, sie liebt mich wie ich bin.  

 

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Mein Vater

In dem Alter zwischen 2 und 6 Jahren kann ich mich nur daran erinnern, dass ich von meinem Vater in folgenden Situationen bestraft wurde:

- wenn ich es gut meinte (ich hatte meinen Stoffelch gepudert, wie meine Mutter meinen kleinen Bruder puderte) oder 

- wenn ich ausnahmsweise mal an mich dachte (z.B. als ich auf meinen kleinen Bruder mal nicht aufpasste und ich dafür später eine Ohrfeige bekam, weil er mit den neuen Schuhen im Dreck gespielt hatte, ich wollte halt lieber verstecken mit den anderen Kindern spielen, als auf meinen kleinen Bruder aufzupassen).

 

Irgendwie kann ich mich nur daran erinnern, dass ich immer versucht habe meinem Vater gerecht zu werden, ich wollte so gerne so sein wie er mich sah. Stark, meinem Alter geistig weit voraus, intelligent, lieb, verantwortungsbewusst und gehorsam. Aber irgendwie doch nicht gehorsam, denn wenn man zu glatt ist, mag er das auch nicht. Er steht auf Menschen mit Profil, mit Reibungsfläche.

 

Bei meinem Vater war ich mir nie sicher, er ist ein sehr wankelmütiger Mensch.  

 

Seine Gefühle sind auf der einen Seite so überschwänglich liebevoll, das man nicht weiß, ob sie echt oder nur gespielt sind um eine große Show zu inszenieren. Auf der anderen Seite kann er sehr cholerisch sein, er bestraft einen zwar nicht körperlich, aber seelisch.  

 

Er hat da einen Blick, bei dem man sich als noch weniger vorkommt, wie der Kaugummi, der ihm unter dem Schuh klebt. 

Man ist noch weniger wie nichts.  

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Ich kann mich eigentlich nur daran erinnern, das er entweder sehr stolz auf einen war oder sehr enttäuscht. Aber es gibt nichts dazwischen. Und er hat die Gabe beides miteinander zu vermischen. Beispiel: erst haut er einem eine runter und dann sofort im Anschluss daran nimmt er einen in den Arm und sagt das es ihm leid tut und er das nicht wollte und er doch einen so lieb hat.

 

Ich konnte seinen Gefühlen nie trauen, wie meinte er es nun, waren sie echt? Und was war jetzt richtig?

 

Dieses Misstrauen habe ich später auf meine Liebhaber projiziert, noch heute habe ich manchmal damit zu kämpfen.

 

Aber am Schlimmsten empfand ich sein Desinteresse an meiner Person.

Er zeigte schon Interesse, an guten Leistungen in der Schule, an außergewöhnlichen Sachen die ich machte (Saxophon spielen) oder an schlimmen, schlechten Sachen (schlechte Noten). Aber nie an mir. Er sprach mit mir über Gott und die Welt, aber nie was mich bewegte. Er fragte noch nicht einmal und wenn, dann wusste ich, das ich ihm nicht zu antworten brauche, weil es ihn doch nicht interessiert.

 

Er schaute dann immer so teilnahmslos, so wie wenn er fragen wollte: „War´s das jetzt, bist Du fertig? Können wir wieder über die Themen reden die mich interessieren?“

 

Ja, das gewöhnte ich mir an, mich für die Themen zu interessieren, die er interessant fand, auch wenn er keine Ahnung hatte.

 

Immer wenn so eine Situation da war, dass ich das Gefühl hatte, dass er kein Interesse zeigt, verkroch ich mich in mein Schneckenhaus, schrieb Gedichte, in denen regelmäßig einer starb (ich)) oder flüchtete mich in meine Gedankenwelt. Nicht, das ich mir eine Scheinwelt aufbaute wie er es bis heute tut. Gott im Himmel hilf, ich habe krampfhaft versucht all seine schlechten Eigenschaften von mir fernzuhalten. Nein, ich analysierte mich und meine Gefühle bis ins kleinste Detail. Bis ich dachte, das ich jetzt alles rationell und logisch verarbeitet habe. Wie bei Aschenputtel die guten ins Töpfchen die schlechten ins Kröpfchen.

 

Später reagierte ich genauso, wenn mir ein junger Mann weh tat, ließ ich ihn es nicht merken, sondern analysierte es, gab mir die Schuld und lud es auf meine innere Müllhalde aus Schmerzen.

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008