Übermut
Oft im Leben sind mir Sprüche wie: „Wenn es dem Esel zu
gut geht, geht er aufs Eis“ begegnet. So manches Mal
habe ich mir dann gedacht, dass man doch schließlich für
sich selber entscheiden könnte, was man denn macht. Man kann
doch aus Fehlern lernen, um sie nicht zu wiederholen.
In diesem Sinne ist es mir oft gelungen, einen
ungefährlicheren Weg gehen zu können.
Mein Vater hämmerte mir den Spruch ein: „Gefahr erkannt,
Gefahr gebannt!“. Das funktioniert auch in sehr vielen
Hinsichten recht gut.
Aus schlechten und guten Erfahrungen kann der Mensch
schließlich immer was mitnehmen.
Meine Mutter ist der festen Überzeugung, man könne Menschen
nicht ändern.
Da mag sie wohl Recht haben. Doch, man kann aufgrund eigener
Erfahrung entweder bestimmten Menschen aus dem Weg gehen,
oder lernen, besser mit ihnen zu leben.
Das beherzigen wohl die meisten Menschen sowieso ganz
unbewusst, um „leichter“ leben zu können. Das ist auch gut
so!
Wenn ein Mensch aber suchtkrank ist, sind all diese guten
Vorsätze streckenweise nicht mehr klar und deutlich, eher
gar nicht erkennbar. Das ist wohl mit ein gravierender
Grund, warum es so vielen Menschen so schwer fällt, mit
ihrer Abhängigkeit besser oder überhaupt leben zu können.
Ich bin kein Fachmann oder in irgendeiner Weise besonders
ausgebildet in Sachen „Sucht“. Ich bin „nur“ eine
Betroffene, die Sucht in fast allen Variationen aus dem
eigenen, subjektiven Blickwinkel kennt. Wenigstens habe ich
das bis vor einiger Zeit ernsthaft geglaubt.
Nach relativ vielen Jahren der Abstinenz bin ich ziemlich
heftig rückfällig geworden. Aus einem Grund, den ich mir
zunächst so gar nicht erklären konnte.
Mehr als ein halbes Jahr lang habe ich Wechselbäder von
Entgiftung, Entzug und erneutem Trinken durchlebt. Es ergab
sich nach jedem Rückfall die Frage: „Warum?“.
Auch habe ich gelernt, mir in bestimmten Situationen Hilfe
suchen zu müssen, um mich bei entsprechenden Stellen
fachmännisch beraten lassen zu können.
Es war und ist zum Verzweifeln, und: zum wieder Trinken.
Dieses WARUM kam immer wieder hoch. Ich wog ab, welche
Probleme mich zu einem Rückfall bewegten, welche Erlebnisse
vielleicht „Schuld“ daran trugen. Waren es Depressionen oder
ein anderes Krankheitsbild?
Ja, es war und ist ein anderes, recht einfaches
Krankheitsbild: SUCHT !!!!
Da ich es über einen doch recht langen Zeitraum geschafft
hatte in (meiner Meinung nach) zufriedener Abstinenz zu
leben, fing ich an, anders zu denken.
Stets hatte ich mich gegen die Überzeugung vieler Menschen
gewehrt, es müsse einem erst besonders schlecht gehen, damit
man „aufwacht“.
Es musste mir erst besonders schlecht gehen, damit
ich aufwachte!
Ich
habe diese Gedanken „Übermut“ genannt, weil ich mittlerweile
glaube, der Grund für meine immer wieder kehrenden Rückfälle
liegt einzig darin, dass es mir zu gut gegangen ist.
Ich erinnere mich an den letzten Rückfall (nach erneuter
über 3-monatiger Trockenheit).
Mir ging es sooo gut. Alles war in bester Ordnung. Wirklich,
alles war gut.
Da meldete sich mein Suchtgedächtnis aus dem stillen
Kämmerchen im Hinterkopf und schrie förmlich nach Alkohol.
Mir ist es nach der letzten Entgiftung wohl einfach nicht
schlecht genug gegangen, so dass mit dieser Gedanke
geblieben wäre, wie schlimm eigentlich alles war. Ich
vergaß, was ich mühselig habe lernen müssen, dass man als
Suchtkranke sein Leben lang auf der Hut sein muss. Weil
alles auf einmal doch sooo schön war, vergaß ich wohl all
die schlimmern Stunden, Tage und Wochen, die dieser Zeit
voraus gegangen waren.
„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ trifft wohl entweder nicht
zu. Oder, ich habe die Gefahr immer noch nicht erkannt.
Ich bin nun der Meinung, dass ich wohl einfach zu
überheblich mir selbst gegenüber war, meiner Sucht
gegenüber. Ich war übermütig.
Zur Zeit nun kann ich mich nur stets versuchen, der Gefahr
zu erinnern, mir bewusst zu machen, dass der Alkohol eben
ein besonderes „Rattengift“ ist, dem gegenüber ich
eigentlich kapitulieren muss.
Ich muss aber nicht in jeder Hinsicht kapitulieren.
Ich glaube sogar, ich sollte keine großartigen Pläne
schmieden für mein Verhalten in der trockenen Zukunft.
Ich
kann nur daran glauben, dass es im Moment wohl das Beste
ist, dem Alkohol aus dem Weg zu gehen. Das ist mein erster
Schritt.
Mehr kann ich mir als Suchtkranker nicht erlauben.
Ich denke, ich habe nun vielleicht endlich erkannt, dass der
Alkohol stärker ist als ich, wenn ich ihn lasse. Damit meine
ich, darauf achten zu müssen, vor dem aller ersten Schluck
den Respekt niemals zu verlieren. Das wäre in meinen Augen
übermütig.
Nebenbei:
Ich bin nicht so die klassische Spiegeltrinkerin. Bei mir wird
nach dem ersten Schluck getrunken bis der Arzt kommt, oder
ich mit einer mehr oder weniger starken Alkoholvergiftung
den Weg finde zu schlafen.
In den Jahren meiner Abstinenz fühlte ich mich so stark,
dass jemand sich direkt neben mir ins Koma trinken konnte,
das hat mich nur traurig gestimmt.
Sehr oft wurde mir bei üblichen gesellschaftlichen Anlässen
Alkohol angeboten. Ich dachte nicht im Traum daran, dass
mich dieser Teufel noch mal einholen könnte.
Bis ich eines Tages übermütig wurde…….
Bis ich für einen Moment lang den Respekt vor dieser
besonderen Droge vergessen hatte.
Es ist so weit gekommen mit mir, dass ich nicht mehr so
stark bin wie damals.
Ich werde erst mal keine Gaststätten und andere Anlässe
besuchen können, weil ich mir selber das noch nicht zutrauen
kann.
Wenn ich den Weg in die zufriedene Abstinenz jedoch jemals
wieder finde, kann auch ich vielleicht mit meiner Krankheit
besser leben.
So, wie ich es mir wünsche, weil ich weiß, es wird noch mal
gehen.
M.