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Schmerzhafte Loyalität 2. Teil
Als das
Verhalten meines Vaters auch noch extremer wurde, dachte ich mir, das
schaffst Du nicht, zwei solcher Männer, nein.
Ich glaube das war mein erstes heilsames „NEIN“. Ich spürte,
dass ich eine Entscheidung fällen musste (ich wusste da noch nicht, das
es viele kleine Entscheidungen waren). Entweder ich oder mein Mann.
Ich entschied mich für mich. Ich setzte meinem Mann das Messer auf die Brust und verlangte von ihm, dass er etwas tat. Er tat auch was, er leierte alles für eine Therapie an. Was ich nicht wusste war, dass er aufgehört hatte zu trinken, ohne Hilfe. 3 Tage später kam ich von der Arbeit und fand ihn verkrampft vor. Notarzt,
Krankenhaus, Intensivabteilung, künstliche Beatmung. Das ganze
Procedere.
Er kam aus der Entgiftung wieder und ich dachte, jetzt hat er´s. Pustekuchen
!!!
Er fing
wieder an zu trinken und wollte jetzt auf einmal Zeit schinden, indem er
die Bewilligung für eine Klinik ablehnte und er jetzt in eine andere
wollte (16 Wochen Wartezeit). Er fand den Aufenthalt im Krankenhaus auch
so schön, das er lieber wieder trocken entziehen wollte.
Da habe
ich nein gesagt, aber nicht ihm gegenüber. Zum Glück hatte ich einen
sehr starken Bekannten der mir half, wir haben ihn unter Androhung von
Prügeln ins Krankenhaus zur normalen Entgiftung gesteckt. Das war ein
Zirkus, aber ich habe es genossen, endlich war ich einmal der Tyrann.
Das sollte ich vielleicht nicht schreiben, aber ich habe mich gefreut
wie ein kleines Kind. Ich habe ihm sogar einen Nasenbeinbruch gegönnt.
Als wir im Krankenhaus waren, gab es für mich ein Deja Vu, mein Mann führte sich auf wie ein kleines Kind und plötzlich fiel bei mir die Klappe. Besser
gesagt, ich fand den Schalter, den ich in Bezug auf meinen Mann fast 4
Jahre lang gesucht habe. Ich
teilte meinem Mann mit, das wenn er nicht alles macht was man ihm sagt,
ich ihm das Haus weg nehme, ihn für verrückt erkläre und ihn
einweisen lasse in eine geschlossen Anstalt und wenn ich dafür das
erste Mal in meinem Leben bewusst lügen müsste.
Das hat
gesessen, tat aber auch sein Übriges.
Danach fühlte ich mich gut, ich konnte es auch das erste Mal in meinem Leben genießen alleine zu sein. Vorher
hatte ich immer Angst davor.
Der nächste auf meiner Liste (so kam es mir vor) war mein Bruder, ewiger Schnorrer und der festen Überzeugung, dass, wenn er Hilfe brauchte, ich springen müsste (Wie mein Vater und mein Mann auch dachten). Aber
nicht mehr mit mir!
Nachdem
ich ihm dreimal erklärte, wo meine Tür ist, wurde er ganz brav. (Hält
bis heute an!)
Dann
kam mein Vater, das dauerte ein bisschen länger, bis ich die Kraft dazu
hatte. Aber
sie kam. Ein Auslöser war, das ich von mehreren Leuten erfahren hatte,
das mein Vater versuchte meine Ehe zu zerstören, indem er mich
beruflich so einband, das ich kaum noch Privatleben hatte. Mein Mann war
zwischenzeitlich auf Therapie.
Für
das Gespräch mit meinem Vater holte ich mir Hilfe bei einem Therapeuten,
der mein neues Selbstbewusstsein noch ein bisschen hegte
und pflegte. Dann
kam der Tag an dem er mich fragte, wovor ich Angst hätte? Da sagte ich:<
meinen Vater zu verlieren und die Hoffnung auf seine Liebe, die ich bis dato
nie hatte>. Da fragte er mich, ob ich denn glaube, dass sie noch einmal kommt? Nein, die kommt nicht, sagte ich. Dann fragte er mich noch einmal wovor haben sie
Angst? Der
Groschen fiel.
Ich
kann nicht Angst haben etwas zu verlieren, was ich nie besessen habe. Ich
brauche auch keine Angst davor zu haben, Hausarrest zu bekommen, ich bin
jetzt 29 Jahre alt und habe noch Angst vor den Sanktionen meines Vaters.
Das war´s.
Den Traum von der heilen Familie habe ich auch begraben, die gab es nie
(meine Eltern sind geschieden und verklagen sich gerade). Ich kann nur
meine eigene heile Familie errichten.
Mein
Therapeut gab mir noch einen guten Rat für das Gespräch: Ich
habe die Macht und ich wähle die Waffen!
So fuhr
ich zu meinem Vater, oh Gott, was schlotterten mir während der Fahrt
die Knie. Aber sobald ich bei ihm war, war ich ganz ruhig und ohne
Angst. Ich
sagte meinem Vater, dass ich mit ihm, so wie er war und momentan ist,
nichts mehr zu tun haben möchte, weil er mich in meinem Leben nur
behindert. Wenn er
sich ändert, können wir uns gerne wieder treffen. Und ich wünschte
ihm alles Gute für seine Zukunft. Er hat gar nichts verstanden!!! Aber vielleicht kommt es mal irgendwann. Vielleicht
versteht er dann warum das für mich so wichtig war.
Als ich nach Hause fuhr weinte ich vor Glück und ich konnte das erste Mal in meinem Leben befreit atmen. Ich
hatte immer das Gefühl einen Eisenring um meine Brust zu haben, der
sich von Zeit zu Zeit zuzog. Ein
Kampf geht nie ohne Blessuren aus, auch wenn es so schön und einfach
klingt.
Ich
denke heute noch sehr oft an meinen Vater, es tut manchmal auch weh,
besonders wenn er mir schreibt. Natürlich nur Vorwürfe und wie enttäuscht
er ist. Aber ich lese auch seine Verzweiflung zwischen den Zeilen und
die tut weh.
Aber es
war richtig was ich getan habe. Ich kann heute sagen das ich mit 29
Jahren endlich erwachsen geworden bin und mein Leben selbst in die Hand
nehme.
Mein
Mann ist in der Zwischenzeit wieder da, er hatte auch schon 3 Rückfälle,
aber ihr werdet lachen die tun mir nicht mehr weh und berühren mich
nicht.
Denn er ist für sein Handeln selbst verantwortlich und ich kann ihm dabei (außer bis zu einem gewissen Grad für ihn da zu sein) nicht helfen.
Ich
habe ihm gesagt, dass ich bei ihm bleibe solange es nicht mehr so wird
(Alkoholkonsum) wie es vor der Therapie war und er sich selber um Hilfe
kümmert.
Bis jetzt klappt´s. Schauen wir mal weiter.
Aber das bedeutet nicht, das mein Leben aufhört, wenn meine Ehe enden sollte.
Ich bin ich, und das kann mir außer mir selber niemand mehr nehmen. |
© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)
Stand: 25. Oktober 2008