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Schmerzhafte Loyalität

Seit ich denken kann war mein Vater für mich „der Mensch“.

Wenn man ihm das erste Mal begegnet, ist man meistens begeistert von ihm, er ist charmant, redegewandt, ein brillanter Rhetoriker und er gibt einem das Gefühl, das man einen Menschen kennen gelernt hat, der wichtig und etwas Besonderes ist.

Ich habe meinen Vater als Chef, Mensch und Vater kennen gelernt.  

 

Als Kind habe ich sehr unter ihm gelitten. Unter ihm ist das richtige Wort, es gab nicht viele Momente, in denen ich mal eine erzieherische Ohrfeige bekam. Nein, er strafte meistens mit Verachtung, er hat einen Blick, indem man sich fühlt wie das Stückchen Scheiße unter seinem Schuh, das er ärgerlich anschaut. Das ist ein sehr gutes Beispiel, weil es die Krux an der Sache zeigt, nicht die Scheiße ist schuld, sondern er, weil er hineingetreten ist, aber er ist maßlos wütend und enttäuscht über die Scheiße, weil sie nicht „ihm“ aus dem Weg gegangen ist.

 

Jahrelang habe ich versucht ihm alles recht zu machen, um von ihm anerkannt und geliebt zu werden.  

 

Um es vorneweg zu sagen, lieb hat mich mein Vater, das weiß ich. Aber er hat eine komische Art es zu zeigen. Entweder ist er überschwänglich lieb oder das genaue Gegenteil.

Vielleicht kann ich es an einem Beispiel besser erklären. An dem einen Tag ist er nicht böse, sondern überaus freundlich wenn man die volle Kaffeekanne ausgeschüttet hat, am anderen Tag macht er einen wegen einem Fleck auf dem Tischtuch fertig.

Ich habe mich ihm immer unterlegen gefühlt, er war auch einer der wenigen Menschen die mich zum weinen brachten, wenn sie mich nur ansahen.

Aber er war mein Held.

Ich hatte ihn für mich auf eine Sockel gehoben.

Gebunden an unsichtbare Ketten.

Und ich wusste nicht wie ich sie lösen konnte.

Lösen wollte ich sie schon lange.

Aber ich wusste nicht wie.

Ich wusste nicht, das ich die ganzen Jahre über den Schlüssel schon einstecken hatte.

 

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Mir wurde das erst bewusst, als ich meinen jetzigen Mann kennen lernte.

Ein Ex-Junkie, Alkoholiker, nur 13 Jahre jünger als mein Vater, geschieden, damals mittellos, lange Haare und tätowiert.

Der Alptraum eines gewünschten Schwiegersohnes.

Aber Wolfgang verstand mich, besser gesagt, meinen Schmerz, er war nicht sauer wie andere Männer, wenn ich plötzlich anders war.

Ich wollte immer nur lieb sein, meine Männer verwöhnen, hatte aber gleichzeitig eine große Klappe und ein nach außen hin gesundes Selbstbewusstsein, einfach taff. Zu taff.

 

Denn wenn ich ruhig wurde und mich anlehnen wollte, geführt werden wollte, nicht mehr die starke Frau sein, die ihren Mann steht, dann wussten sie nicht mit mir umzugehen. Und ich verstand es gleich als Ablehnung und Liebesentzug.

 

Ich habe wahnsinnig geklammert, tja, Angst vorm verlieren.

 

Und in meinem Mann fand ich jemanden, der genauso geklammert hat und dem die Luft nicht zu dünn wurde. Er verstand das.

 

Wolfgang gab mir auch das Urvertrauen, was mir immer gefehlt hatte, das er mich liebt, egal wie ich bin oder was ich anstelle. Dafür bin ich ihm bis heute unendlich dankbar.

 

Aber ich wusste nicht, dass mein Verhalten ungesund ist, und mir bzw. meinem Mann nicht gut tut.

Ich war zur Co-Abhängigkeit erzogen worden.

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Ich habe einen Tick, den gebe ich auch offen und ehrlich zu und stehe zu ihm:

wenn ich etwas wissen möchte, dann knie ich mich hinein und das Wörtchen „geht nicht“ existiert fast gar nicht in meinem Wortschatz.

 

Normalerweise bin ich kein sehr geduldiger Mensch, aber bei meinem Mann hatte ich eine Wahnsinnsgeduld.

Als ich merkte, dass es nicht normal ist, wenn man vor dem Frühstück schon einen Beutel Pennerglück trinkt, sprach ich ihn darauf an.

Gott, was war ich naiv !!!

 

Ich habe ihn morgens mal auf das Zittern seiner Hände angesprochen, darauf bekam ich als Antwort, dass das ein altes Familienleiden sei. Prompt sah ich am nächsten Abend, dass seine Mutter genauso zittert. Ich habe es sofort geglaubt.

 

Aber ich habe nicht locker gelassen. Als wir ein halbes Jahr zusammen waren, gestand Wolfgang ein, dass er vielleicht doch ein kleines Problem mit dem Alkohol hat.

 

Seit da an kaufte ich mir Bücher, durchforstete das Internet und machte mich schlau.

Ja, ich dachte, ich bringe ihn schon davon weg.

Und da ich ja eh Psychologin schon immer werden wollte, ein kleines Helfersyndrom besitze und eine gute Portion Naivität, sagte ich mir o. k. Wenn er nichts unternimmt, zum Arzt geht, etc. dann bist du halt sein Therapeut.

(Entschuldigung, aber ich muss gerade über mich selber lachen)

Mein Vater hatte in der Zwischenzeit Wolfgang kennen gelernt und ihn von Anfang an nicht beachtet. Typisch!

Das sah so aus, das mein Vater uns besuchte und sich nur mit mir unterhielt, als wenn mein Mann nicht da wäre.

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Als ich versuchte mit meinem Vater über Alkoholismus zu reden, stellte ich fest, das mein Vater, wie immer „der Experte“ war, und meinte, dass er mehr Ahnung hat wie ich. Er hat aber nie etwas gegen meinen Mann gesagt. Was ich ihm heute sehr übel nehme. Aber da komme ich noch darauf.

Viele Therapeuten haben mir gesagt, dass das Verhalten von mir gegenüber meinem Mann verkehrt war und ihn nur weiter in die Abhängigkeit getrieben hat.

 

Zum Teil muss ich ihnen recht geben, aber zum großen Teil auch nicht.

Denn ich bin der festen Überzeugung, das es bei jedem anders ist und mein Verhalten bei meinem Mann das richtige war.

Denn er hat es nie erlebt, das man sich so intensiv um ihn kümmert und an ihn glaubt.

 

Vor ca. einem halben Jahr, habe ich dann einen Schlussstrich unter mein bisheriges Leben gesetzt. Davor habe ich alles mitgemacht, wie viele andere Angehörige auch, Angst, Hoffnung, Stärke, Enttäuschung, Selbstüberschätzung, sich allein fühlen, Verzweiflung, Wut, Hass, Hysterie bis hin zum eigenen Selbstmordversuch.

 

Aber das alles war notwendig, denn bei Wolfgang konnte ich das alles, auch ihm gegenüber, ausleben, was ich mich bei meinem Vater nie getraut hätte - vor lauter Respekt und Loyalität.

Das klingt vielleicht brutal, aber durch den Alkoholismus meines Mannes habe ich meine Gefühle, die feindosiert in meiner Kindheit schon existierten, noch einmal auf sehr schmerzlicher Basis und in geballter Form erlebt, so dass ich sie eben nicht mehr verdrängen konnte. 

 

Wenn ich meinen Mann und meine Ehe retten wollte, dann musste ich mich dem Ganzen stellen.

 

Es gab aber auch keine Zeit darüber nachzudenken, ob ich das wollte oder nicht. Immer wieder war da etwas Neues, was mein Mann anstellte, was mich auf Trab hielt.

 

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008