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Erlebnisse

Lieber Alkohol,

wie Du weißt, warst Du mir zeitlebens ein ständiger Begleiter und Verfolger. Du hattest von frühester Kindheit an 

- sei es direkt oder indirekt - einen großen Einfluss auf mein Sein und Werden. 

Du hattest schon meinen Vater im Griff{ obwohl der das nie richtig erkannt hat).

Du gehörtest eben zum Alltag wie essen und trinken.

Vater hat Dich immer gemocht.

 

Du täuschtest ihn darüber hinweg, dass er nur ein kleines Licht war, aber durch Dich konnte er zunächst zu Hause den starken Mann markieren, Hand in ketten obwohl er sich draußen fügen musste. Du hast ihn getröstet.

Du hast Dich unmerklich in seine Seele eingeschlichen und sie vergiftet. Seine Wut konnte er durch Dich ausleben, dafür hatte er ja Frau und Kinder. Weil er sich selbst hasste, hasste er ja auch mich, denn ich war sein Spross, sein Ebenbild und Mutter war schuld daran, dass ich existierte, so konnte er die Schuld an seiner Misere ausgezeichnet verteilen. Du halfst ihm dabei, sein eigenes Versagen zu betrachten, sich aber gleichzeitig davon rein zu waschen. Du halfst zu betrachten und  zu verurteilen, aber nicht zu sehen und zu verändern. Ich habe das immer gesehen, doch nie begriffen, was Du bewirktest, denn Du gibst Dich ja nicht direkt zu erkennen.

Du kamst immer durch die Hintertür. Du bist ein Heuchler und ein Lügner!

Der Frust, den Deine Arbeit in mir auslöste, trieb auch mich in Deine Arme, denn Du gabst mir Geborgenheit, Verständnis, Selbstvertrauen. Du gabst mir all das, was mein Vater mir nicht geben konnte, da Du ihn ja im Griff hattest.

So bekamst Du auch mich in den Griff und zwar verdammt schnell.

Ich war schwach, Du machtest mich stark.  

Pfeil hoch

Ich war verzweifelt, Du gabst mir Trost, Du lindertest meinen Schmerz und machtest mich unempfindlich.

Wenn Du es schwarz  um mich werden ließt, so fand ich darin meine Geborgenheit.

Du warst auch ein großer Befreier.

Du befreitest mich von Angst, von Pflichten, von Verantwortung und schließlich von meinem schlimmen Zuhause und gabst mir die Gewissheit, dass alle anderen an allen  meinen Unzulänglichkeiten schuld sind, nur ich, d.h. Du, nicht.

Du warst Ich geworden, und ich Du!

Ich wehrte mich immer, das zu erkennen und wurde zum „Kämpfer", zum Kämpfer für Dich. Verzweifelt.

Die anderen konnten mir gestohlen bleiben, Hauptsache wir waren zusammen und kämpften gegen den Rest der Welt, die eben schlecht ist.

Wir waren die einzig Guten.

Wenn ich Dich nicht hatte, so kamen mir Zweifel um unsere Weltanschauung. Andere Gute rüttelten an unserer Beziehung, doch kaum waren wir wieder zusammen, so konnten wir diese umso mehr verurteilen und hassen. 

Deine Brüder und Schwestern, Pharma und Cannabis, hast Du mir auch vorgestellt, aber der Boss warst immer nur Du.

Ich selbst war ja schon fast vergessen, da Du mich gar nicht dazu kommen ließt, zu wachsen, sondern mich immer wieder daran hindertest, damit ich Dein wahres Wesen nie erkenne.

Du bist ein mieses, egoistisches Schwein.

Du wolltest und willst nur haben, und Du hast mich dazu gebracht, Dir alles zu geben, bevor ich es überhaupt hätte haben können.

Ich schwöre Dir ab und das für immer und ewig und hoffe, dass ich mit der Zeit, die mir nach unserer jahrelangen Beziehung noch geblieben ist, alles daran setze, damit wir nie wieder eins werden.

Ich will endlich das sehen, was Du mir vorenthalten hast, ich möchte es erleben, sowenig es auch sein mag. Was Du mir verwehrtest war das Leben -  was Du mir zeigtest und gabst, war der Tod.  

Schön und gut, der Tod ereilt mich noch früh genug und er mag auch o.k. sein, aber zuerst möchte ich leben, damit ich Vergleichsmöglichkeiten habe.  

 

Noch ist es zu früh zum Abtreten, vielleicht ist ja doch noch etwas Glück und Zufriedenheit auf meinem Weg zu finden, aber das kriege ich nur alleine, ohne Dich gebacken.

Brillenfund

 

Vielleicht finde ich auch in dem, was andere Leute sagen, etwas Richtiges und Wahres. 

 

Was ich aber sehe, ist, dass Du ein fleißiger Arbeiter bist, wenn es darum geht, einen Menschen fertig zu machen - Leidensgenossen gibt es genug.  

 

Fahr zur Hölle !

Harald M.

 

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008