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Erlebnisse

(- nach der Lektüre "Männer sind anders, Frauen auch... von Gray)

 

Mein liebster Freund,

als ich Dir das erste Mal begegnete, hatte ich das Gefühl, Dich schon mein Leben lang zu kennen. Ich liebte Deine ganze Art vom ersten Moment an. Du warst einfach DA als ich Dich brauchte und Du hast mir gut getan.

Der Alkohol jedoch nahm in Deinem Leben schon sehr bald eine immer größere Rolle ein. Wir stritten laufend, bis es nicht mehr ging.

Nach langer Zeit traf ich Dich wieder. Betrunken. Du hattest mir so gefehlt all die Zeit. Es tat so weh als Du sagtest, ich hätte Dir helfen können, aber ich hätte Dich ja im Stich gelassen. Dass Du das nur so daher geredet hast, ahnte ich nicht mal. Ich habe mir und jedem, der es nicht hören wollte geschworen, dass ich Dich ganz sicher niemals wieder im Stich lassen würde. Du hattest mir so viel gegeben, als ich es brauchte, jetzt war ich dran.

Und ich gab Dir alles was ich zu geben hatte. Alle Liebe, alle Fürsorge, alle Aufmerksamkeit, alle Sicherheit, alle Zuverlässigkeit und alles Verständnis. Tag für Tag, nächtelang, immer und überall, bis ich nicht mehr konnte. Bis ich wütend war, dass Du es nicht zu schätzen weißt. All meine Angst um Dich, all meine Sorge, all die wachgelegenen Nächte. Ich war so wütend, dass Du kein „Danke“ kanntest, dass ich mich verausgabt habe und Du meist nicht den kleinen Finger für mich rührtest, dass Du mir so oft wehgetan hast. Du warst mein liebster Freund, weil Du mit einem Lächeln den Tag retten konntest und Du warst mein größter Feind, weil ein böses Wort von Dir den Tag ruinieren konnte.

Mein liebster Freund, ich kam nicht im Entferntesten auf den Gedanken, dass das, was ich Dir gab, nicht das ist, was DU BRAUCHST. Es tut mir so leid, Dir immer nur gegeben zu haben, was ICH BRAUCHTE. Ich wusste nicht, dass Du Dich mit Deinen Sorgen zurückziehen musst, um das mit Dir auszumachen. Ich dachte immer, Du ziehst Dich von MIR zurück und das tat weh. Weil ich mit meinen Sorgen nicht allein sein kann und Dich dann brauche, habe ich Dich in Deiner Zurückgezogenheit gestört. Dadurch habe ich es für Dich noch schlimmer gemacht, weil ich Dir ein schlechtes Gewissen machte, dass Du mich allein lässt UND auch noch den Eindruck vermittelt habe, Du kämst allein nicht zurecht. Ich wusste nicht, dass es auf Dich den Eindruck macht, ich würde Dich für unfähig halten, wenn ich Dir meine Hilfe anbiete, weil ich es als einen echten Freundschaftsbeweis empfinde, wenn das jemand für mich macht. Ich wusste nicht, dass Du Dich regelmäßig von mir entfernen musst um zu sehen, wie’s ohne mich ist, damit Du wieder nah sein kannst. Ich dachte, Du bist unzuverlässig und es sei eine spezielle Gemeinheit von Dir, mich immer mal wieder in Sicherheit zu wiegen und Dich dann wieder zu verabschieden. Als Du sagtest: „Nur weil Du nichts von mir hörst, heißt das nicht, dass ich nicht an Dich denke. Ich denke jeden Tag an Dich.“, ahnte ich nicht einmal, dass das nicht nur daher gesagt war. Ich wusste nicht, dass es in Deiner Welt ein Kompliment ist, sich keine Sorgen um jemanden zu machen. Du hältst mich für stark genug, alles allein zu meistern. Ich wusste nicht, dass „Du machst das schon“ in Deiner Welt bedeutet: „Ich weiß, Du kannst das.“ In meiner Welt bedeutet das: „Was belästigst Du mich mit diesem Mist, mach Deinen Kram doch alleine.“

Mein liebster Freund, wir haben in einen jahrelangen Kampf gelebt, in dem ich immer den Eindruck hatte, mich vor Dir und Deinen Verletzungen schützen zu müssen. Ich dachte, es ist Deine Absicht, mir weh zu tun, wenn Dir alles zu viel wird. Es tut mir leid, Dir das unterstellt zu haben. Jetzt nach Deiner Therapie sagst Du mir, dass es nie Deine Absicht war, mir weh zu tun und das es Dir jedes Mal Leid tut, wenn das passiert. Und dass es nicht meine Schuld sei, sondern irgendwas in Dir hochkommt und ich das ausbaden müsse. Ich danke Dir für diesen Satz. Als mir der so richtig zu Bewusstsein gekommen ist, konnte ich endlich aufhören, immer in Deckung zu sein vor dem nächsten Seitenhieb. Ich konnte mich in Ruhe mit Dir und mir und unseren Schwierigkeiten befassen und wusste, dass die Freundschaft das wert ist.

Ich dachte immer, Du müsstest doch wissen, was ich brauche, Du siehst ja, was ich gebe. Ich wusste nicht, dass Du das nicht wissen kannst. Ich wusste nicht, dass ich Dir das Gefühl gegeben habe, ich möchte Dich verändern und Du wärest mir nicht gut genug so wie Du bist. Du bist einzigartig so wie Du bist. Ich möchte nicht, dass Du Dich veränderst, denn ich hab Dich lieb so wie Du bist, mein Freund. Ich wusste nur nicht, dass ich Dir erklären muss, was meine Bedürfnisse sind. Es tut mir leid, dass ich Dich nicht unterstützt habe, fürsorglich mit mir umzugehen. Ich wünsche mir von Dir ein wenig Aufmerksamkeit und Fürsorge, auch wenn Du denkst, ich käme schon klar. Ich wusste nicht, dass Du denkst, Du müsstest, wenn Du etwas für mich tust, etwas außergewöhnlich Großartiges tun. Es tut mir leid, dass ich Dir nie gesagt habe, dass mir die für Dich kleinen Dinge so viel wichtiger sind. Das ist schon die Tasse Tee die Du mir machst, wenn ich nach einem langen Tag noch eben zu Besuch komme. Das ist einmal die Hand auf die Schulter legen, wenn ich müde oder traurig bin. Ich weiß ja selbst, dass ich am nächsten Tag natürlich wieder aufstehe und mich erfolgreich durch den Tag kämpfe, ich FÜHL mich nur in dem Moment nicht so. Und Du, mein liebster Freund, kannst den Tag doch mit einem Lächeln retten, wirst Du das hin und wieder für mich tun?

Heute stehen wir vor den Scherben dessen, was einmal eine Freundschaft war, die ich nie verlieren wollte. Ich hatte Dich aufgegeben, bis zu jenem Abend, an dem Du sagtest, wir müssten diesen Abstand wahren, weil Du mir immer wieder weh tun würdest und das täte Dir so leid. Ich weiß, Du hast zurzeit die Kraft nicht, Dich damit zu befassen. Ich weiß nicht, ob Du mir meine Fehler je wirst verzeihen können. Aber ich weiß, dass ich Dich nicht verlieren will, mein Freund, und ich fange an, Dich zu verstehen. Ich werde jedes Mal, wenn Du mich um Rat fragst wissen, dass es eine außerordentliche Auszeichnung ist, dass Du Dich aus Deiner Zurückgezogenheit hervorwagst und mich für fähig erachtest, einen Kommentar zu geben. Ich werde Dir immer sagen, wenn Du mit gut tust, denn Du kannst nicht wissen, wie gut mir kleine Dinge tun. Ich werde mir Mühe geben, keine ungefragten Ratschläge zu geben, um Dich nicht zu beleidigen. Ich werde mir Mühe geben, mich nicht in Dein Leben einzumischen, solange Du es nicht ausdrücklich wünscht. Ich werde Dich nie wieder in Deiner Zurückgezogenheit stören und ich werde Dich freundlich empfangen, wenn Du zurückkommst. Denn ich hab Dich lieb, mein Freund. Ich liebe immer noch Deine Art mit allen Menschen umzugehen, ich liebe die Ruhe, die Du mir geben kannst, selbst wenn Du selbst keine hast. Ich liebe Dein Lächeln, das meinen Tag retten kann. Ich liebe es mit Dir über Gott und die Welt zu sprechen. Ich liebe die Kraft die Du ausstrahlst und die mich ein kleines bisschen stärker macht, wenn ich sie spüre. Ich liebe die Sicherheit, die ich in Deine Nähe noch immer empfinde, als könne mir der Rest der Welt nichts anhaben. Ich liebe es für einen kleinen Moment wieder das kleine Mädchen zu sein, auf das Du so wunderbar Acht gegeben hast. Und mit Dir ist der Schnee immer noch ein bisschen weißer.

 

In Liebe und Freundschaft         

Deine Bärliebhaberin

 

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008