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Der
Sohn meiner Cousine war schon immer ein "Sorgenkind".
Immer
schon hat er Schwierigkeiten gemacht, und in jüngster Zeit wurde sogar
vermutet, er könne ins Drogenmilieu geraten sein. Aber so ganz
genau wusste man es nicht - er war, wie meistens, verschwunden und lebte
sein eigenes Leben.
Sie
rief an und erzählte aufgeregt, er sei wieder aufgetaucht - allerdings
sei er im Gefängnis. Ob ich nicht mitkommen könnte, ihn zu
besuchen.
Kontakt
wurde aufgenommen, ein Besuch im X-Gefängnis arrangiert - ich war auch
gespannt, den jungen Mann kennen zu lernen. Dann würden wir also
zusammen mal einen Besuch dort machen - sie hatte ihn ja so lange nicht
gesehen und nichts von ihm gehört.
Ich
erlebte also meinen ersten Gefängnisbesuch. Zuerst muss man mit Ausweis und
Antrag in einer schrecklichen Wartehalle sitzen, bis man aufgerufen
wird, dabei begann es immer unbehaglicher zu
werden. Dann wurden wir aufgerufen. Es ist ein komisches Gefühl,
dieses abgetastet werden, Schuhe ausziehen, durch eine
Sicherheitsschleuse wie auf dem Flughafen, Taschen draußen
einschließen ... Innen drin sah es ein bisschen wie im Hotel aus -
eigentlich nicht so, wie man das erwartet. Und trotzdem fühlt man sich irgendwie, als ob man selbst etwas
ausgefressen habe - dann drinnen mit anderen nervösen Familien und
Einzelpersonen warten, bis man in einen Raum gelassen wurde. Dort
standen mehrere Tische, an die man sich auf eine der Seiten setzen
durfte und dann wieder warten, bis die Tür aufging und ein Schwung
Häftlinge in diesen Raum gelassen wurde - sie haben sich zu ihren
Verwandten gesetzt - und da war er nun, der "verlorene Sohn".
Ich war angenehm überrascht - ich hatte nicht erwartet, einen großen
wohlgenährten strahlenden jungen Mann zu sehen, mit langen gepflegten
Haaren - irgendwie hatte ich mir unter "möglichem
Drogenmilieu" etwas anderes vorgestellt. Eigentlich ein sehr netter
Kerl.

Die
Unterhaltung war aufgeräumt und lustig, er erklärte notdürftig, was
ihn hierher gebracht hatte, alles "kleine Fische" und
Versehen, Missverständnisse und mit der Drogensache - das war nun
wirklich alles an den Haaren herbeigezogen. Die Schwester hatte da wohl
alles mögliche fehlinterpretiert - er habe immer nur mal so probiert -
harte Drogen aber nie. Er sei nicht auf Drogen, nur mit
kurzgeschlossenen Auto´s, naja, da sei mal war gewesen. Und dafür habe
er ja auch noch die Bewährungsauflage gehabt, sich immer zu
melden.
Und da sei dann was schiefgegangen als er das letzte Mal umgezogen sei.
Als
er sich wieder gemeldet habe, sei er ein wenig zu spät gewesen - und
nun sei er hier.
Ach
doch, es sei eigentlich nicht so schlecht hier drin, aber eben
langweilig. Einen kleinen Fernseher könne er gebrauchen. Arbeiten
dürfe er ja nichts. Lehre machen? Na, da habe er sich schon erkundigt,
das ginge hier nicht, erst wenn er verlegt werden sollte. Ach, er wisse
noch nicht, wie es weitergehen sollte, er habe ja auch noch genug Zeit.
Es wurde oft gelacht und viel gewitzelt. Alles nicht so ernst zu
nehmen...
Was
er benötige? Er wollte gern Lebensmittel zum selber- kochen - das Essen
sei ziemlich scheußlich dort. Mitnehmen zum Besuch - das ginge nicht -
es müsse per Paket abgewickelt werden. Ja und Zigaretten, das wäre
gut, oder lieber Tabak, und Lebensmittel halt. Keine Klamotten?
Nein, das stimme so nicht, die könne er von seinem Kumpel gebracht
bekommen.
Wir
sprechen über die Selbsthilfegruppe und über Möglichkeiten, wieder
festen Boden unter die Füße zu bekommen. Er fand das toll mit der
Gruppe und wollte gern einen Bericht über seine Drogenerfahrung
schreiben, das würde ihm gefallen. Er war sehr interessiert und wirkte
sehr angetan, eine sinnvolle Beschäftigung gefunden zu haben. Ach und Briefmarken brauche er noch
und Telefonkarten. Lächelnd nahm man wieder Abschied.
Es
war angenehm, wieder "draußen" zu sein.
Wir
haben tagelang und viel geredet - ich habe geschrieben, einiges aus dem
Internett von eigenen Seiten ehemaliger Drogenabhängiger, und wir haben
Pakete hingeschafft. Einige hundert Mark hat das gekostet, aber das tut
man ja gern, wenn man jemand auf die Füße helfen möchte. Anrufe für
die Telefonkarten durften wir allerdings nicht groß erwarten. Das kam,
so glaube ich maximal zweimal vor. Es sei so schwierig, ans Telefon zu
kommen - so viele Häftlinge wollten telefonieren. Und dann kam sowieso
nur jeweils
eine Liste von Dingen, die er wieder brauchte. Ich bekam sogar einmal
eine Antwort auf meine Post - er sei schon 11 Seiten weit mit seinem
Bericht. Wir fanden das toll, und wir hofften, dass der Bericht ihn
vielleicht zum Nachdenken anregen könnte. Aber irgendwie blieben die
Reaktionen auf unseren Hilfeversuch mager. Trotzdem zerbrachen wir uns
die Köpfe, wie wir wohl hier eine vernünftige Hilfestellung anbieten
konnten und hofften, einen Denkvorgang in eine neue Richtung anschieben
zu können. Ich suchte Gründe, weshalb er wohl so geworden sein könnte
und was man tun könnte, ihm einen neuen Weg zu zeigen. Ich bedauerte
seine Mutter -
denn ich war unglaublich froh, dass
ich das Glück hatte, bei meiner Tochter nicht mit ähnlichen
Schwierigkeiten kämpfen zu müssen.
Der
Junior wurde verlegt und meine Cousine besuchte ihn allein, denn ich musste
arbeiten.
Er
erzählte wieder ähnliches - noch immer wusste niemand so genau,
was er eigentlich angestellt hatte. Er wiegelte immer schnell ab mit der
Begründung, die kurze Besuchszeit sei zu schade - später mal, da
würde er alles genau erzählen. Das neue Gefängnis war sehr
freizügig. Und plötzlich war er nicht mehr dort - er war entlassen -
und wir hatten es nicht erfahren. Er hatte uns nichts gesagt, hatte uns
nicht angerufen, hatte in vielen Wochen einmal geschrieben, zweimal
angerufen und von seinem Bericht hatten wir nicht einen Satz zu sehen
bekommen.
Bei
seiner Mutter tauchte er noch einige Male auf um sich mit Geld oder mit
Aufmerksamkeit versorgen zu lassen - offenbar war sie recht freigiebig - aber dann war alles beim
Alten - er
blieb verschwunden.

Diese
Monate konnten wir nutzen, um einmal Bilanz zu ziehen, was wir da
eigentlich zusammen angestellt hatten: wir haben unfreiwillig den
Co-Abhängigen gespielt, das war das Fazit.
Bei
der Mutter konnte man das ja noch verstehen, aber bei mir?
Wie
konnte mir das passieren?
ich weiß, ein Abhängiger - egal wovon er abhängig ist - wird immer
leugnen, dass er abhängig ist, das gehört zum Krankheitsbild.
ich weiß, ein Abhängiger nutzt alle "Hilfeleister" bis zum
Exzess aus um seinen eigenen Vorteil daraus zu ziehen - und dass hat er
getan.
ich weiß, ein Co-Abhängiger drängt einem Abhängigen seine
"Hilfe" geradezu auf.
ich weiß, ein Co-Abhängiger versucht ständig durch
"Überzeugungsarbeit" eine Wende im Leben dieses Abhängigen
herbeizuführen.
ich weiß, ein Co-Abhängiger hofft insgeheim auf persönliche Bindung, die
dazu beiträgt, dass der Abhängige seine Einstellung doch noch ändert.
ich weiß, dass falsch verstandene Freundschaft leider das Gegenteil
bewirkt - der Abhängige fühlt sich sicher und sogar noch im Recht.
ich weiß, dass solche Hilfestellung beim Abhängigen ein innerliches
Grinsen hervorruft - er amüsiert sich königlich über die
"Bemühungen" seiner Umwelt.
ich weiß, dass sich so lange nichts am Verhalten des Abhängigen ändert,
so lange WIR nichts ändern.
ich weiß, so lange wir alle springen wie die Hasen, wird der Abhängige
den Teufel tun, und etwas an seinem Verhalten ändern - warum auch - er
steht doch wunderbar im Mittelpunkt des Geschehens - alle streicheln ihn
und schleppen ihm alles vor die Füße, was er nur im Entferntesten
haben wollen KÖNNTE.
ich weiß, dass Co-Abhängige immer selbst das schlechte Gewissen haben und
nicht der Abhängige, denn der fühlt sich sauwohl.
ich weiß, je weniger der Co-Abhängige erreicht, desto verzweifelter
verstärkt er sein Bemühen - der Abhängige MUSS doch einsehen, dass er
eigentlich...
ich weiß, dass der Abhängige jede Menge Ausreden und "logische
Gründe" für sein Verhalten aus dem Hut ziehen kann und dass er
lügt, dass sich die Balken biegen, um sich und seine Sucht zu schützen
- ganz so als sei er "vom Teufel besessen und er zwinge ihn
dazu" damit es ihm nicht an den Kragen geht.

Wieso
konnte es denn nur passieren, dass ich mich so völlig gegenteilig zu
allem Wissen und zu allem Gelernten, zu Verstand und Logik verhalten
konnte?
Obwohl man annehmen müsste, dass ich nicht so
eingebunden bin, wie die Mutter dieses Mannes selbst, müssen Sympathie
und verwandtschaftliche Gefühle einen Mechanismus in Gang gesetzt
haben, den ich selbst nicht bemerkte. Wenn man nicht begreift, wie weit man in dieses
Spiel eingebunden wird, dann verschiebt
sich alle Vernunft erst einmal von selbst in einen Winkel des Gehirnes,
an den man so leicht von selbst nicht herankommt. Um so schlimmer wird
diese Verschiebung, je mehr Gefühle daran beteiligt sind. Bei Mutter
und Sohn also recht viel. Es ist fast so wie
beim Abhängigen selbst: irgendwie merkt man immer mal ganz kurz, dass
man etwas grundlegend falsch macht, aber das Gefühl lässt keine andere
Handlung zu. Schlechtes Gewissen gesellt sich dazu und Hilflosigkeit -
und schon ist man auf dem berühmten Holzweg.
Nachdem
ich heute gehört habe, dass er wieder in einem Gefängnis aufgetaucht sein
soll und sich nun wünschen solle, dass ich als jemand, der sich auf dem
Suchtsektor gut auskennt, wegen einer Therapie (die er vermutlich als
Auflage bekommen hat) bei ihm im Gefängnis melden soll, habe ich wohl unerwartet reagiert.
Ich
habe Nein gesagt.
Ich
werde NICHT dort anrufen oder vorsprechen.
Herzlos?
Dickköpfig?
Nein,
wirklich nicht.
So
lange dieser junge Mann nicht von sich aus Kontakt aufnimmt und
glaubhaft macht, dass er von sich aus und für sich selbst etwas tun
MÖCHTE, tue ich nichts. Ich springe nicht noch einmal auf diesen D-Zug
in Richtung "Abwärts" auf. Es ist ja auch so, dass es Sozialarbeiter in
den Gefängnissen gibt, die bestens über Therapiemöglichkeiten
auskennen, und ihm vermitteln können, was immer zu bekommen, bzw. zu
tun ist. Er ist
also nicht "hilf- los". Wenn er es wirklich selbst will, dann
wird ihm dort geholfen werden. Aber das glaube ich nicht. Er wird
"müssen", weil er sonst länger im Gefängnis sein muss.
Es
ist schade, dass man nicht verhindern kann, dass weiter alle Anderen
sofort hilfsbereit springen, so wie er nur verschmitzt lächelt und
einen seiner lockeren Sprüche loslässt. Er hat überhaupt kein
Unrechtsbewusstsein, er findet sich im Gegenteil großartig und erfährt
ja auch genug Beifall. Es ist klar, dass das für viele Menschen unverständlich
und hart klingt.
Aber
es ist das Beste, was man in solch einem Fall tun kann.
Nun
haben wir Familienkrach.
Meine
Cousine ist stinksauer.
Sie
hat den Telefonhörer einfach aufgelegt und spricht nun nicht mehr mit
mir.
Sie
lässt auch sonst niemanden mit sich reden - sie will nichts davon
wissen, was er eigentlich angestellt hat und will ihm unbedingt helfen.
Sie versteht leider überhaupt nicht, dass sie ihm nicht hilft, sondern
vielmehr alles verschlimmert.
Es
ist manchmal schwierig, entgegen seinem Gefühl zu handeln.
Ich
habe es natürlich leichter damit, als die Mutter, das ist wahr.
Trotzdem
ist es schade, dass sie sich weigert, zur Kenntnis zu nehmen, was in
solchen Fällen sinnvoll ist - das ist ja nicht bloß MEINE Idee. Sie
kann auch nicht verstehen, dass ich mehr FÜR ihren Sohn tue, als sie
selbst. Es ist ja auch schwer zu verstehen, aber ich denke, sie hat
keine andere Chance.
Oder
auch: ER hat kaum eine andere Chance.
Zumindest
ich hätte es besser wissen müssen und von Anfang an konsequent handeln
sollen. Meine Aufgabe wäre gewesen, Ihr zu sagen: Du machst im Moment
leider etwas grundlegend falsch.
Vielleicht
wäre dann schon etwas passiert - vielleicht hätte er nämlich
tatsächlich angefangen zu denken. Denn wie schon gesagt - wenn man nichts
an seinem üblichen Verhalten ändert, wird der Betroffene von selbst nichts ändern -
wozu denn auch!
Ich habe
wieder einmal mehr gelernt, dass man unglaublich schnell "den
Co-Abhängigen" spielt ohne es überhaupt zu merken.
Vielleicht
kann dieses Schreiben anderen Eltern dazu dienen, ihre eigenen Fehler zu
sehen und rechtzeitig damit aufzuhören, an der falschen Stelle zu
"helfen".
Helfen
bei Abhängigen bedeutet - "in Liebe fallen lassen" - alles
andere verschlimmert nur und treibt immer weiter hinein in das
Verhalten eines Suchtkranken.
Claudia
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