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Erlebnisse 

Suchthilfe?

Man sollte es nicht für möglich halten,  eigentlich sollte man es als "Profi" besser wissen...

 

 

ich habe einen Suchthelferlehrgang gemacht

ich habe alles gelesen, was man über Suchtverhalten lesen kann

ich kann jederzeit einem anderen Menschen einen Rat geben, weil wir umfassend über die Möglichkeiten in der Suchthilfe informiert sind

ich bin mit einem trockenen Alkoholiker verheiratet, der mir alles, was er an eigenen Erfahrungen gemacht hat, vermitteln konnte und habe mich selbst schon als Co-Abhängige gesehen

ich besuche seit Jahren mit Spaß und Engagement eine Selbsthilfegruppe

also weiß ich alles, was man wissen muss, um keine großen Fehler zu machen -

 

- und doch...

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Der Sohn meiner Cousine war schon immer ein "Sorgenkind".

Immer schon hat er Schwierigkeiten gemacht, und in jüngster Zeit wurde sogar vermutet, er könne ins Drogenmilieu geraten sein.  Aber so ganz genau wusste man es nicht - er war, wie meistens, verschwunden und lebte sein eigenes Leben. 

Sie rief an und erzählte aufgeregt, er sei wieder aufgetaucht - allerdings sei er im Gefängnis. Ob ich nicht mitkommen könnte, ihn zu besuchen. 

Kontakt wurde aufgenommen, ein Besuch im X-Gefängnis arrangiert - ich war auch gespannt, den jungen Mann kennen zu lernen. Dann würden wir also zusammen mal einen Besuch dort machen - sie hatte ihn ja so lange nicht gesehen und nichts von ihm gehört.

 

Ich erlebte also meinen ersten Gefängnisbesuch. Zuerst muss man mit Ausweis und Antrag in einer schrecklichen Wartehalle sitzen, bis man aufgerufen wird, dabei begann es immer unbehaglicher zu Gefängnis werden. Dann wurden wir aufgerufen. Es ist ein komisches Gefühl, dieses abgetastet werden, Schuhe ausziehen, durch eine Sicherheitsschleuse wie auf dem Flughafen, Taschen draußen einschließen ... Innen drin sah es ein bisschen wie im Hotel aus - eigentlich nicht so, wie man das erwartet. Und trotzdem fühlt man sich irgendwie, als ob man selbst etwas ausgefressen habe - dann drinnen mit anderen nervösen Familien und Einzelpersonen warten, bis man in einen Raum gelassen wurde. Dort standen mehrere Tische, an die man sich auf eine der Seiten setzen durfte und dann wieder warten, bis die Tür aufging und ein Schwung Häftlinge in diesen Raum gelassen wurde - sie haben sich zu ihren Verwandten gesetzt - und da war er nun, der "verlorene Sohn". Ich war angenehm überrascht - ich hatte nicht erwartet, einen großen wohlgenährten strahlenden jungen Mann zu sehen, mit langen gepflegten Haaren - irgendwie hatte ich mir unter "möglichem Drogenmilieu" etwas anderes vorgestellt. Eigentlich ein sehr netter Kerl.

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Die Unterhaltung war aufgeräumt und lustig, er erklärte notdürftig, was ihn hierher gebracht hatte, alles "kleine Fische" und Versehen, Missverständnisse und mit der Drogensache - das war nun wirklich alles an den Haaren herbeigezogen. Die Schwester hatte da wohl alles mögliche fehlinterpretiert - er habe immer nur mal so probiert - harte Drogen aber nie. Er sei nicht auf Drogen, nur mit kurzgeschlossenen Auto´s, naja, da sei mal war gewesen. Und dafür habe er ja auch noch dieBild, LangeHaare Bewährungsauflage gehabt, sich immer zu melden. Und da sei dann was schiefgegangen als er das letzte Mal umgezogen sei.  Als er sich wieder gemeldet habe, sei er ein wenig zu spät gewesen - und nun sei er hier.

Ach doch, es sei eigentlich nicht so schlecht hier drin, aber eben langweilig. Einen kleinen Fernseher könne er gebrauchen. Arbeiten dürfe er ja nichts. Lehre machen? Na, da habe er sich schon erkundigt, das ginge hier nicht, erst wenn er verlegt werden sollte. Ach, er wisse noch nicht, wie es weitergehen sollte, er habe ja auch noch genug Zeit. Es wurde oft gelacht und viel gewitzelt. Alles nicht so ernst zu nehmen...

Was er benötige? Er wollte gern Lebensmittel zum selber- kochen - das Essen sei ziemlich scheußlich dort. Mitnehmen zum Besuch - das ginge nicht - es müsse per Paket abgewickelt werden. Ja und Zigaretten, das wäre gut,  oder lieber Tabak, und Lebensmittel halt. Keine Klamotten? Nein, das stimme so nicht, die könne er von seinem Kumpel gebracht bekommen.

Wir sprechen über die Selbsthilfegruppe und über Möglichkeiten, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Er fand das toll mit der Gruppe und wollte gern einen Bericht über seine Drogenerfahrung schreiben, das würde ihm gefallen. Er war sehr interessiert und wirkte sehr angetan, eine sinnvolle Beschäftigung gefunden zu haben. Ach und Briefmarken brauche er noch und Telefonkarten. Lächelnd nahm man wieder Abschied.

 

Es war angenehm, wieder "draußen" zu sein.

Wir haben tagelang und viel geredet - ich habe geschrieben, einiges aus dem Internett von eigenen Seiten ehemaliger Drogenabhängiger,  und wir haben Pakete hingeschafft. Einige hundert Mark hat das gekostet, aber das tut man ja gern, wenn man jemand auf die Füße helfen möchte. Anrufe für die Telefonkarten durften wir allerdings nicht groß erwarten. Das kam, so glaube ich maximal zweimal vor. Es sei so schwierig, ans Telefon zu kommen - so viele Häftlinge wollten telefonieren. Und dann kam sowieso nur jeweils eine Liste von Dingen, die er wieder brauchte. Ich bekam sogar einmal eine Antwort auf meine Post - er sei schon 11 Seiten weit mit seinem Bericht. Wir fanden das toll, und wir hofften, dass der Bericht ihn vielleicht zum Nachdenken anregen könnte. Aber irgendwie blieben die Reaktionen auf unseren Hilfeversuch mager. Trotzdem zerbrachen wir uns die Köpfe, wie wir wohl hier eine vernünftige Hilfestellung anbieten konnten und hofften, einen Denkvorgang in eine neue Richtung anschieben zu können. Ich suchte Gründe, weshalb er wohl so geworden sein könnte und was man tun könnte, ihm einen neuen Weg zu zeigen. Ich bedauerte seine Mutter - Gespraech denn ich war unglaublich froh, dass ich das Glück hatte, bei meiner Tochter nicht mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfen zu müssen.

 

Der Junior wurde verlegt und meine Cousine besuchte ihn allein, denn ich musste arbeiten.

Er erzählte wieder ähnliches - noch immer wusste niemand  so genau, was er eigentlich angestellt hatte. Er wiegelte immer schnell ab mit der Begründung, die kurze Besuchszeit sei zu schade - später mal, da würde er alles genau erzählen. Das neue Gefängnis war sehr freizügig. Und plötzlich war er nicht mehr dort - er war entlassen - und wir hatten es nicht erfahren. Er hatte uns nichts gesagt, hatte uns nicht angerufen, hatte in vielen Wochen einmal geschrieben, zweimal angerufen und von seinem Bericht hatten wir nicht einen Satz zu sehen bekommen.

 

Bei seiner Mutter tauchte er noch einige Male auf um sich mit Geld oder mit Aufmerksamkeit versorgen zu lassen - offenbar war sie recht freigiebig - aber dann war alles beim Alten - er blieb verschwunden.

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Diese Monate konnten wir nutzen, um einmal Bilanz zu ziehen, was wir da eigentlich zusammen angestellt hatten: wir haben unfreiwillig den Co-Abhängigen gespielt, das war das Fazit.

Bei der Mutter konnte man das ja noch verstehen, aber bei mir?

 

Wie konnte mir das passieren?

ich weiß, ein Abhängiger - egal wovon er abhängig ist - wird immer leugnen, dass er abhängig ist, das gehört zum Krankheitsbild.

ich weiß, ein Abhängiger nutzt alle "Hilfeleister" bis zum Exzess aus um seinen eigenen Vorteil daraus zu ziehen - und dass hat er getan.

ich weiß, ein Co-Abhängiger drängt einem Abhängigen seine "Hilfe" geradezu auf.

ich weiß, ein Co-Abhängiger versucht ständig durch "Überzeugungsarbeit" eine Wende im Leben dieses Abhängigen herbeizuführen.

ich weiß, ein Co-Abhängiger hofft insgeheim auf persönliche Bindung, die dazu beiträgt, dass der Abhängige seine Einstellung doch noch ändert.

ich weiß, dass falsch verstandene Freundschaft leider das Gegenteil bewirkt - der Abhängige fühlt sich sicher und sogar noch im Recht.

ich weiß, dass solche Hilfestellung beim Abhängigen ein innerliches Grinsen hervorruft - er amüsiert sich königlich über die "Bemühungen" seiner Umwelt.

ich weiß, dass sich so lange nichts am Verhalten des Abhängigen ändert, so lange WIR nichts ändern.

ich weiß, so lange wir alle springen wie die Hasen, wird der Abhängige den Teufel tun, und etwas an seinem Verhalten ändern - warum auch - er steht doch wunderbar im Mittelpunkt des Geschehens - alle streicheln ihn und schleppen ihm alles vor die Füße, was er nur im Entferntesten haben wollen KÖNNTE.

ich weiß, dass Co-Abhängige immer selbst das schlechte Gewissen haben und nicht der Abhängige, denn der fühlt sich sauwohl.

ich weiß, je weniger der Co-Abhängige erreicht, desto verzweifelter verstärkt er sein Bemühen - der Abhängige MUSS doch einsehen, dass er eigentlich...

ich weiß, dass der Abhängige jede Menge Ausreden und "logische Gründe" für sein Verhalten aus dem Hut ziehen kann und dass er lügt, dass sich die Balken biegen, um sich und seine Sucht zu schützen - ganz so als sei er "vom Teufel besessen und er zwinge ihn dazu" damit es ihm nicht an den Kragen geht.

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Wieso konnte es denn nur passieren, dass ich mich so völlig gegenteilig zu allem Wissen und zu allem Gelernten, zu Verstand und Logik verhalten konnte?

 

Obwohl man annehmen müsste, dass ich nicht so eingebunden bin, wie die Mutter dieses Mannes selbst, müssen Sympathie und verwandtschaftliche Gefühle einen Mechanismus in Gang gesetzt haben, den ich selbst nicht bemerkte.  Wenn man nicht begreift, wie weit man in dieses Spiel eingebunden wird, dann verschiebt sich alle Vernunft erst einmal von selbst in einen Winkel des Gehirnes, an den man so leicht von selbst nicht herankommt. Um so schlimmer wird diese Verschiebung, je mehr Gefühle daran beteiligt sind. Bei Mutter und Sohn also recht viel. Es ist fast so wie beim Abhängigen selbst: irgendwie merkt man immer mal ganz kurz, dass man etwas grundlegend falsch macht, aber das Gefühl lässt keine andere Handlung zu. Schlechtes Gewissen gesellt sich dazu und Hilflosigkeit - und schon ist man auf dem berühmten Holzweg.

 

Nachdem ich heute gehört habe, dass er wieder in einem Gefängnis aufgetaucht sein soll und sich nun wünschen solle, dass ich als jemand, der sich auf dem Suchtsektor gut auskennt, wegen einer Therapie (die er vermutlich als Auflage bekommen hat) bei ihm im Gefängnis melden soll, habe ich wohl unerwartet reagiert.

Ich habe Nein gesagt.

Ich werde NICHT dort anrufen oder vorsprechen.

Herzlos?

Dickköpfig?

Nein, wirklich nicht.

So lange dieser junge Mann nicht von sich aus Kontakt aufnimmt und glaubhaft macht, dass er von sich aus und für sich selbst etwas tun MÖCHTE, tue ich nichts. Ich springe nicht noch einmal auf diesen D-Zug in Richtung "Abwärts" auf. Es ist ja auch so, dass es Sozialarbeiter in den Gefängnissen gibt, die bestens über Therapiemöglichkeiten auskennen, und ihm vermitteln können, was immer zu bekommen, bzw. zu tun ist. Er ist also nicht "hilf- los". Wenn er es wirklich selbst will, dann wird ihm dort geholfen werden. Aber das glaube ich nicht. Er wird "müssen", weil er sonst länger im Gefängnis sein muss.

 

Es ist schade, dass man nicht verhindern kann, dass weiter alle Anderen sofort hilfsbereit springen, so wie er nur verschmitzt lächelt und einen seiner lockeren Sprüche loslässt. Er hat überhaupt kein Unrechtsbewusstsein, er findet sich im Gegenteil großartig und erfährt ja auch genug Beifall. Es ist klar, dass das für viele Menschen unverständlich und hart klingt.

Aber es ist das Beste, was man in solch einem Fall tun kann.

 

Nun haben wir Familienkrach.

Meine Cousine ist stinksauer.

Sie hat den Telefonhörer einfach aufgelegt und spricht nun nicht mehr mit mir.

Sie lässt auch sonst niemanden mit sich reden - sie will nichts davon wissen, was er eigentlich angestellt hat und will ihm unbedingt helfen. Sie versteht leider überhaupt nicht, dass sie ihm nicht hilft, sondern vielmehr alles verschlimmert. 

Es ist manchmal schwierig, entgegen seinem Gefühl zu handeln.

Ich habe es natürlich leichter damit, als die Mutter, das ist wahr.

Trotzdem ist es schade, dass sie sich weigert, zur Kenntnis zu nehmen, was in solchen Fällen sinnvoll ist - das ist ja nicht bloß MEINE Idee. Sie kann auch nicht verstehen, dass ich mehr FÜR ihren Sohn tue, als sie selbst. Es ist ja auch schwer zu verstehen, aber ich denke, sie hat keine andere Chance.

Oder auch: ER hat kaum eine andere Chance.

 

Zumindest ich hätte es besser wissen müssen und von Anfang an konsequent handeln sollen. Meine Aufgabe wäre gewesen, Ihr zu sagen: Du machst im Moment leider etwas grundlegend falsch.

Vielleicht wäre dann schon etwas passiert - vielleicht hätte er nämlich tatsächlich angefangen zu denken. Denn wie schon gesagt - wenn man nichts an seinem üblichen Verhalten ändert, wird der Betroffene von selbst nichts ändern - wozu denn auch!

 

Ich habe wieder einmal mehr gelernt, dass man unglaublich schnell "den Co-Abhängigen" spielt ohne es überhaupt zu merken.

Vielleicht kann dieses Schreiben anderen Eltern dazu dienen, ihre eigenen Fehler zu sehen und rechtzeitig damit aufzuhören, an der falschen Stelle zu "helfen".

Helfen bei Abhängigen bedeutet - "in Liebe fallen lassen" - alles andere verschlimmert nur und treibt immer weiter hinein in das Verhalten eines Suchtkranken.

 

Claudia 

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008