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das wirkliche Leben

 

Meine Alkoholentwöhnungstherapie

Die Therapie- 

Segen und Übel

 

Meine Therapie begann am 17.02.1993 in Neuenkirchen bei Osnabrück.

in einem ehemaligen Kloster (St. Marienstift).

 

Als obersten Chef gab es einen Arzt aus Costa Rica. In was dieser seinen Arzttitel hatte weiß ich bis heute nicht. Ob Psychologe oder praktischer Arzt?

Hätte ich damals gerne gewusst. Es waren dort auch noch einige Nonnen beheimatet, die für Medikamentenausgabe und Zimmerkontrolle zuständig waren. Wie ich damals erfuhr waren auch einige trockene Alkoholikerinnen darunter.

 

Ich wurde in eine von 2 Aufnahmegruppen eingegliedert (12 Männer) die 4 Wochen Bestand hatte. Hier wurden die ersten leichten Fragen nach Gründen der Alkoholkrankheit gestellt, nach Familiensituation und sozialem Umfeld gestellt. Außerdem wurde die Gruppe mit Arbeiten im Garten  wieder an körperliche Anstrengung gewöhnt.

Nach 4 Wochen  wurde die Gruppe in andere Gruppen aufgegliedert (immer 12 Männer), also neu gemischt. Das waren dann feste Gruppen mit festem Tagesplan und festen Arbeitstherapietätigkeiten..

 

GruppengesprächGruppentherapien waren eine Mischung aus Einzelgesprächen von dem Pädagogen und einzelnen Patienten mit Feedback der Gruppe. 

7 von 12  nahmen nicht an den Gesprächen teil oder ließen sich nicht auf Einzelgespräche vor der Gruppe ein. Aber in den persönlichen Gesprächen öffneten Sie sich dann doch vor dem Pädagogen. Es wurden nach und nach alle Lebensläufe der Patienten durchgegangen und durchdiskutiert, die Gruppe kannte nachher jeden genau. z.B. Nach oben

 

1 Pfarrer der durch seine ländliche Gemeinde immer wieder bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zum Mittrinken genötigt.

 

1 Bauamtsleiter einer Großen Stadt der seine Verträge in Arbeitsessen mit anschließenden Umtrunk abschloss.

 

3 Maler, denen von Kunden immer wieder  ein Getränk angeboten wurde, einer dieser 3 hat im Laufe der Zeit 700.000 DM versoffen, sein Einfamilienhaus und seinen guten Namen, seine Söhne –Mitinhaber im Malereibetrieb mussten unter anderen Namen ein Geschäft aufmachen.

 

3 Schlosser,  1 Bauarbeiter, 1 Arbeitsloser, 1 Rentner und Ich  (Postler), alle mit unterschiedlichen Trinkverhalten.

 

Ein normaler Tag für mich mit der Arbeitstherapie Cafeteriasäuberung und Geschirrspüler bedienen lief so:

Morgens um 05:45 Wassertherapie (Abbrausen aller Patienten mit kaltem Wasser durch einen Therapiepatienten)

Cafeteria heutedann Frühstück  ( feste Zeiten- kein Spielraum), dann Gruppentherapie  oder Arbeitstherapie bis 11:45 Uhr,

dann Mittag um 12:00 Uhr ( feste Zeiten- kein Spielraum, mit Gebet),

Das Essen wurde von Patienten eingedeckt und abgedeckt.

Öffnung der Cafeteria um 12:30 Uhr,

alle stürmten zum Kaffeeautomaten, Tasse Kaffe 0,70 DM

Pause bis 14:30 für die anderen, ich räumte dann die Cafeteria auf, spülte das Geschirr und hatte dann bis 16:00 Uhr Pause,

dann Gruppentherapie bis 17:15 Uhr,

Dann Abendbrot um 17:30 Uhr, ( feste Zeiten- kein Spielraum, mit Gebet), danach Feierabend mit Cafeteriabesuch, Spaziergängen, Kartenspielen, Fernsehgucken.

Um 22:30 Uhr Bettruhe.  

 

Die ersten 6 Wochen durften wir keinen Besuch empfangen, die ersten 3 Wochen zur zu dritt in den Garten (wegen Krampfanfallgefahr).

Rauchen war auf dem Gelände nur in 2 Räumen gestattet, wer erwischt wurde – das er an einem anderen Platz rauchte, bekam eine Abmahnung. Eine zweite Abmahnung und die Therapie war für denjenigen beendet.

 

Nach 6 Wochen durften wir alleine spazieren gehen, uns Fahrräder 

ausleihen und auch Bowlen gehen (war auf dem Gelände). Wir durften in anliegende Gaststätten/Läden  fahren und dort etwas essen oder trinken. Alkohol gab es natürlich in diesen Läden auch, aber wenn jemand so etwas bestellte oder mitnahm, wurde gleich in unserer Verwaltung Fahrradausflug angerufen, und die Therapie war für denjenigen beendet.

 

Nach 10 Wochen konnte man mit dem Fahrrad fast ohne Kilometerlimit raus, vom Essen konnte man sich freistellen lassen. Der erste Schritt zur Wiedereingliederung.

 

Nach 10 Wochen gab es auch ein Familienseminar, An der alleNach oben unmittelbaren Familienmitglieder teilnehmen sollten, bei mir war es meine Frau , bei dem Seminar wurde alle Paare nach Problemen befragt und dann durch diskutiert. Mein Partnerproblem stellte sich dann nach einigen Wortwechseln  mit allen Teilnehmern auch raus. Bei dreien meiner Mitstreiter, ergab sich nach der Therapie- die Scheidung.

 

Cirka 2 Wochen vor Ende der Therapie hatte jeder ein Eingliederungs-Wochenende  zu Hause. 3 Tage in den man seinen Arbeitgeber besuchen konnte, sich allmählich wieder an die alte Umgebung und Familie zu gewöhnen. Diese Zeit hätte man sich sparen können, voller Unmut fuhr man wieder Richtung Neuenkirchen, das einem auf einmal wie ein Gefängnis erschien.

 

GittertürKeine Tageszeitung die ganze 4 Monate, kein Radio die ganzen 4 Monate, einmal am Tag die Tagesschau schauen, wir lebten unter einer Käseglocke. 

 

Abgeschottet von der Außenwelt.

Kam einer zwei mal zu spät zum Essen ,die Therapie war für denjenigen beendet.

 

Nach 4 Monaten am 15.06.1993 wurde ich als therapiert entlassen.

 

Wie ich im nachhinein erfahren habe, sind zwei meiner damaligen Mitstreiter an Leberschäden gestorben.

 

Mir persönlich graust es noch heute vor dieser Therapiestätte, die durch ihre extremen unsinnigen Disziplinanforderungen auch den stärksten Charakter einschüchtern konnte.

 

Heute wird es sicher anders sein (Fachklinik St. Marienstift)-

 aber was ich damals erlebt habe, das war eine schlimme Zeit.

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008