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Erlebnisse

Mein Name ist Charles (Charly) S.

Beginnen möchte ich meinen zweiten Bericht über meine Alkoholkrankheit mit folgenden Worten:

 

Bis zum 01.01.1993 war ich nasser Alkoholiker, jetzt bin ich trockener Alkoholiker.

 

Dieses Datum ist das Ende einer jahrelangen Quälerei,

und der Anfang eines immer besser werdenden Lebens.

 

Geboren bin ich am 28.03.1961 in Bremen

 

Februar 1975

Ich habe schon zur Schulzeit angefangen zu trinken, und zwar in der 8. Klasse, mit 14 Jahren.

Wir mussten zur damaligen Zeit an einer Arbeitsgemeinschaft neben dem normalen Unterricht teilnehmen (Handball, Töpfern, Fußball u.s.w).

Meine Lehrerin ,damals im Landrat von Brinkum bei Bremen, bot die AG Spielplatzbau an. Da fuhr man am Samstag morgens die 8 Kilometer von Bremen nach Brinkum, 

um dort auf einem unbebauten Stück Land für die Kleinen einen Spielplatz in Zusammenarbeit mit dem Gremium des Landrats zu bauen. Im Grunde eine gute Sache.

Es war nicht immer warm dort, darum schenkte uns die Lehrerin zwischendurch mal kurz einen Tee mit 

Rum ein, oder auch zwei!

Jedenfalls waren von Samstag zu Samstag mehr Jungs, in der AG Spielplatzbau...

 

Diese AG ging über ca. 1 ½ Jahre, und ich hatte trotz Ferien und Krankheit ungefähr 40 Mal mitgeholfen.

Das letzte halbe Jahr, bevor ich aus der Schule kam, war meine Lehrerin erkrankt. Sie hatte das Bein gebrochen – ein komplizierter Bruch. Dadurch fielen einige Unterrichtsstunden aus. Diese Zeit nutzten einige Schulkameraden und ich dazu, die Bar von meinem Vater, von unnützen vollen Weinbrandflaschen zu leeren.

 

Meine schulischen Leistungen fielen von GUT auf AUSREICHEND.

Mein Hauptschulabschluss war daher nicht berauschend.

Ich fand leider damals keine Lehrstelle.

Meine Eltern ließen sich in dieser Zeit scheiden.

Merkwürdigerweise berührte mich diese zu der Zeit nicht besonders stark.  

 

Juni 1976   „Lehrzeit“

Ungefähr eine Woche nach Schulende fing ich für einen Monat in der Firma von meinem Vater an, 

als befristeter Arbeiter in der Korrosionschutzbrache 

(Rostentfernung und Neulackierung einer Eisenbahnbrücke) zu arbeiten.

Meine ehemaligen Mitschüler hatten Ferien bis zum Beginn ihrer Lehrzeit.

Und ich schleppte bei brütender Hitze, als einziger unter 35 Jahren unzählige Eimer mit Farbe Trinkeneine steile Treppe hinauf, oder ich entfernte Rost an der Brücke.

In der Mittagspause gab es umsonst Getränke.

Erst trank ich immer Mineralwasser, später ließ ich mich zu Bier überreden.

Nach einem Monat war diese Arbeit beendet, und ich hatte ungefähr 1700 DM verdient, und auch ich hatte endlich Ferien.

Damals war das viel Geld. Mit diesem Geld war ich der King.

Immer und überall konnte ich einen ausgeben, und irgendwie war ich beliebt bei meinen ehemaligen Schulkameraden, mit denen ich noch Kontakt hatte.

Als diese anfingen in die Lehre zu gehen, war ich ruckzuck allein.

Ich versuchte noch immer mit ihnen in Kontakt zu kommen, aber es ging irgendwie nicht.  

 

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März 1977     Einstieg in die Arbeitswelt, regelmäßiges Trinken begann

Am 01.03.1977 begann ich meine Arbeit als Lagerarbeiter in einem Stahlhandel.

Hier musste ich in einer riesigen Halle mit 4 Toren und einem Gleisanschluss Eisenstangen,

Rohre und Profile kommissionieren. Das hieß, diese 6 Meter langen Eisenstangen aus dem Lager ziehen, meistens per Hand, selten mit einem Kran, wiegen, bündeln und auf Lkws oder Waggons laden . Mit meinen 16 Jahren ein verdammt harter Job, der aber überdurchschnittlich entlohnt wurde. Ich war dort der Jüngste.

Kein Mitarbeiter war unter 35 Jahre alt.

Es gab ungefähr 20 Mitarbeiter in meiner Abteilung.

Eisen ist kalt und strahlt Kälte ab, also war es immer lausig kalt in der Lagerhalle.

Meine damaligen Mitarbeiter zeigten mir einen Weg um sich zu wärmen.

Beim Arbeitsbeginn um 6:oo Uhr morgens gab es den ersten Weinbrand pur.

Um 9:oo , um 11:oo, um 12:oo, um 12:30, um 14:oo Uhr wurde ebenfalls eingeschenkt.

 

Mir wurde unmissverständlich mitgeteilt, das ich nicht dazugehöre, wenn ich nicht mittrinke.

Ich hatte als Jüngster leider die Erfahrung, das ich nur ein Spielzeug für die anderen war.

Ich bekam also Spezialaufgaben, wie zum Beispiel:

Um 8:45 Uhr fuhr ich für die Kollegen und mich Brötchen holen.

Natürlich auch Alkohol.

Mittags fuhr ich zum Imbiss und natürlich Alkohol holen.

 

Nach und nach wurde der Schluck zur normalsten Sache, wie Arbeitshandschuhe tragen.

Als neben meiner Arbeitsstelle auch noch ein großer Supermarkt aufmachte, ging ich öfter einkaufen, übrigens schickte mich auch der Abteilungsleiter los. Das war ungefähr Ende 1978. Ich ging auch schon mal zwischen den Pausen los, eine Kiste Barcadi kaufen.

 

In dieser Zeit habe ich privat fast keinen Alkohol getrunken. 

Bier mochte ich nicht, also trank ich  Cola

 

Mitte Mai 1979 Arbeitswechsel

kündigte ich bei dieser Firma, um bei der Bundespost im Lager anzufangen.

Am 05.06.1979 begann meine Mitarbeit bei der Deutschen Bundespost, die bis heute Bestand hat, Flasche

jetzt heißt sie Deutsche Post AG. 

Wie bei jedem neuen Mitarbeiter wurde auch bei mir geflachst: „Wann gibt es Einstand?“

Mein Einstand  dort bestand aus 15 Flaschen Schnaps, verteilt auf drei Tage, bei 10 Mitarbeitern.

Hier lernte ich das saufen.

Den ganzen Tag gab es immerzu irgendwo die Gelegenheit, mitzutrinken oder etwas zu kaufen

(die Kantine verkaufte große Flaschen und Flachmänner ). Der Alkohol konnte auch

in der Kantine getrunken werden, und Bier zum Frühstück war normal.

Dieser Zustand hielt circa 10 Jahre an, bis die Geschäftsleitung wechselte, von da ab mussten wir

unseren Alkohol mitbringen.  

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November 1987   Ein Bandscheibenvorfall

Im November zog ich mir beim Aufheben eines schweren Gegenstands einen Bandscheibenvorfall zu.

Bis Mai 1988 wurden die Schmerzen stärker, mal mehr mal weniger. Ich besuchte nun einen Orthopäden, 

der mir zur OP riet, ich wollte aber noch nicht ins Krankenhaus.

Neben Alkohol nahm ich nun auch Tabletten, weil die Schmerzen nach und nach unerträglicher wurden. 

Im August 1988 hatte ich dann die Bandscheiben–OP.

Ende Oktober konnte ich wieder arbeiten, musste aber versetzt werden, weil ich nicht mehr heben durfte.

In der Abteilung, in der ich nun beschäftigt war, (8 Mitarbeiter) fuhr 1 –2 Mal die Woche

ein Kollege mit dem Auto eine Kiste Korn und eine Kiste Weinbrand einkaufen.

Wir verkauften den Schnaps gläserweise, 1 DM pro Schnapsglas. Jeder gab mal einen aus.

Bei 8 Mitarbeiter kamen da schon mal 16DM am Tag zusammen.

 

1. Dezember 1989     Tod  meines Bruders

Als mich meine Mutter am Nachmittag dieses Tages anrief, um mir mitzuteilen das mein Bruder

einen tödlichen Unfall hatte, starb etwas in mir mit.

Mein Bruder starb bei dem Versuch , einen Kollegen aus einem Öltank zu retten.

Sein Körper konnte nicht mehr identifiziert werden.

Ich war so geschockt das ich nicht einmal weinen konnte.

Ich lief sofort los um mir etwas zu trinken zu besorgen.

Am 13.12 war die Urnenbeisetzung.

Eigentlich beerdigt ein Friedhofsmitarbeiter die Urne.

Zwar trug der Mitarbeiter die Urne zum Grab und stellte sie hinein.

Aber dann...

- jetzt kommt ein Teil in meinem Leben, den ich nie vergessen werde -

Mein Vater sagte zu mir, ich solle die Urne begraben, und ich tat dieses auch.

Als das Grab zugeschaufelt war, sagte er zu mir: Tritt den Boden fest.

Dieses machte ich wie in Trance tatsächlich, meinen Bruder mit Füßen treten.

Heute noch habe ich Probleme damit, ruckzuck habe ich Tränen in den Augen und fühle mich unwohl.  

In dieser Zeit habe ich privat fast nur Weinbrand getrunken, Mannl_gesicht

1 – 1 ½  Flaschen pro Tag (8 Mark – Aldi) bis zum 26.10.1992.

Ich hatte mir ca.10000 DM Schulden ersoffen.

Am 31.12.1992 habe ich zum letzten mal Alkohol getrunken.

 

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008