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Brief

Ein Gespräch gibt den Anstoß

...

Es war wahnsinnig schwer am Anfang darüber zu reden und ich konnte es auch ewig lange nicht. 

Ich habe mich geschämt, hatte Angst, was die Leute sagen und hatte Angst das sie über meinen Vater lachen. Ich glaube es dauert sehr lange, bis man einigermaßen versteht, dass man sich nicht für das Verhalten anderer schämen muss. Es ist erst 3-4 Jahre her seit ich das erste Mal darüber geredet habe. Es war an einem Tag an dem es sehr schlimm war und ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich dachte mich zerreißt es, wenn ich niemanden davon erzähle. 

Ich bin dann zu einer Freundin und hab ihr alles erzählt. Sie war sehr lieb und verständnisvoll, aber für längere Zeit war es trotzdem das erste und letzte Gespräch. Von mir war es eher eine Kurzschlussreaktion, ich konnte einfach nicht anders als darüber zu reden und danach war die Scham zu groß um wieder damit anzufangen. Sie hat auch nie angefangen, wahrscheinlich wusste sie einfach nicht wie sie damit umgehen sollte. 

Das zweite Mal hab ich dann mit meiner damaligen Ausbilderin im Geschäft darüber geredet. Ich kenne sie schon ewig, also auch privat und sie hat mich darauf angesprochen das ich oft so abwesend und manchmal auch unkonzentriert wäre, es war halt sehr schwer für mich wenn ich in der Mittagspause nach Hause bin, mein Vater betrunken war und nach nicht mal einer Stunde soll man das ganze einfach in die Ecke stellen und sich auf seine Arbeit konzentrieren. Mit ihr habe ich danach auch noch ab und zu darüber geredet.

Aber so richtig ohne Angst, Scham usw. darüber zu reden habe ich erst durch meinen Freund geschafft. Wir waren auch schon über 3 Monate zusammen als ich ihm das erste Mal davon erzählt habe. Ich hatte furchtbare Angst davor, dass er mich nicht versteht oder mich nicht ernst nimmt. Er war aber einfach toll!! Wir haben so oft darüber geredet, dass es mir gar keine Probleme mehr macht. 

Ich denke ich kann  jetzt ziemlich offen damit umgehen. Natürlich renn ich nicht zu jedem und bind es ihm auf die Nase, aber wenn mich jemand den ich gut kenne darauf angesprochen hatte was denn mit mir los sei, dann hatte ich keine Probleme mehr darüber zu reden. 

Vor allem dadurch das ich ohne ersichtlichen Grund an die 10 kg abgenommen habe (hab immer normal gegessen) kamen natürlich viele Fragen auf.

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Angst hatte ich auch immer davor meinen Vater darauf einfach anzusprechen, nur versuchen mit ihm darüber zu reden. So oft hatte ich es mir vorgenommen und einfach nicht geschafft. Da habt ihr mir sehr weitergeholfen, vor allem als Dein Wolfgang mir erzählte wie seine Tochter mit ihm geredet hat! 

Ich hatte keine Angst mehr und hab meinem Vater alles gesagt was mir durch den Kopf ging. Wie ich mich fühlte, was er mit unsere ganzen Familie macht, das wir alle nacheinander gehen würden, wenn er nicht anfängt was dagegen zu tun, wir aber alle für ihn da sind wenn er etwas ändern möchte Dann bin ich aufgestanden, hab ihm gesagt er soll mich ansehen und mal überlegen, woher das wohl kommt das ich nur noch 50 kg wiege. Ich glaub ich hab ihm mit viel Liebe wehgetan und das war es was ihm letztendlich die Augen geöffnet hat und er hat gesehen, dass wir wirklich für ihn da sind, das wir ihn alle unterstützen.


Trotzdem sitzt mir die Angst ganz fest im Nacken. Wahnsinnige Angst vor einem Rückfall (wenn man das nach so kurzer Zeit ohne Alkohol schon so nennen kann), Angst davor, ganz tief in den Keller zu fallen. Manchmal denke ich, die Angst will mich einfach auffressen. Und die paar Kilo, die ich zugenommen hatte so um Weihnachten als alles einfach nur toll gelaufen ist, sind inzwischen langsam aber sicher wieder verschwunden. Obwohl ja eigentlich immer noch alles gut läuft, glaub ich die Angst werde ich so schnell nicht verlieren.


Mein Freund hat mir schon vorgeschlagen zu einem Psychologen zu gehen, einfach nur um vielleicht ein bisschen mehr Selbstbewusstsein aufzubauen und irgendwie mehr mein eigenes Leben leben zu können. Aber ob das hilft? Ob ich das brauche? Jetzt schreib ich auch schon fast wie ein Süchtiger "ob ich das brauche?", gleich abwehren und nicht für nötig halten. Ich wünsch mir das ich mein Seelenleben selbst in den Griff bekomme, aber das funktioniert schon ne ganze Weile nicht mehr. Manchmal hasse ich  mich weil ich so labil bin und schnell weine, oft wegen gar keinem richtigen Grund.
Na ja, mal sehen.

Vielleicht macht es den Geschwistern ja ein bisschen Mut wenn du ihnen von uns erzählst. Schade ist das es für so etwas einfach kein Patentrezept gibt. 

Sind halt alle Menschen verschieden und das ist auch gut so.

© Alle Rechte vorbehalten für A.i.d.A, Arbeitskreis Alkohol in der Alltagswelt e.V. (B. H.)

Stand: 25. Oktober 2008